Haltung von Süßwasserschnecken

Text und Fotos: Carsten Ziemke

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u02In den letzten Jahren haben sich viele Aquarianer der Haltung von Wirbellosen zugewandt. Im Zug der Welle von neuen Garnelen- und Krebsarten wurden auch viele Süßwasserschneckenarten neu eingeführt. Traditionell werden Süßwasserschnecken schon seit langer Zeit (wahrscheinlich auch durch die Gründungsmitglieder der „Nymphaea“ im Jahr 1892) im Gesellschaftsbecken so nebenbei gehalten. Dies trifft besonders  für die  „alten“  Arten, wie   Posthornschnecke,  Turmdeckelschnecke und Quellblasenschnecke zu (Bild links: Viviparus conectus, Spitze Sumpfdeckelschnecke). In Aquarien, in denen keine Schnecken fressende Tiere vorhanden sind, kommt es oft zu einer Massenvermehrung dieser Arten. Diese Massen von Schnecken fressen dann die eine oder andere Wasserpflanze an und manchmal auch auf. In der Folge kommt es zu diversen Bekämpfungsmethoden, welche neben der Vernichtung sämtlicher Schnecken auch unerwartete chemische und biologische Prozesse auslösen. Diese nicht vorhersehbaren Auswirkungen können bei weitem die Schäden durch die  Schnecken übertreffen. Die drei genannten Arten bedürfen keiner besonderen Bedingen zur Haltung und Vermehrung. Viele Aquarianer halten diese Arten um Futterreste zu beseitigen und somit die Entwicklung von unliebsamen Mikroorganismen einzudämmen. Auch vermindern besonders Posthornschnecken die Gefahr von Blaualgenplagen, da jeder entstehende Algenherd aufgefressen wird.

u03Apfelschnecken, Ampullariidae, werden seit ca. 70 Jahren in den Aquarien gepflegt. In dieser Familie wurden bisher ca. 170 Arten beschrieben. Von diesen vielen Arten hat sich nur  Pomacea brigesi als aquarientauglich bewährt. So frisst diese Art kaum Pflanzen. Die Eier werden in Trauben über der Wasseroberfläche abgelegt, so dass eine Kontrolle über die Vermehrungsrate recht einfach möglich ist. Diese Art darf allerdings laut EU-Verbot (wie alle amerikanischen Pomacea-Arten) nicht mehr gehandelt werden. Der Hintergrund für das Verbot ist die Gefährdung der europäischen Reisernte (das Verbot gilt u.a. auch für Finnland, als Ausgleich dürfen allerdings alle asiatischen reisfressenden Apfelschneckenarten gehalten werden).

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Interessante und „erlaubte“ Pfleglinge aus dieser Gruppe sind die Paradiesschnecke, Marisa cornuarietis und die Zebra-Apfelschnecke, Asolene spixi. Beide Arten legen ihre Eier unter Wasser ab und vergreifen sich leider aber auch mehr oder weniger an Wasserpflanzen. Apfelschnecken sind getrennt geschlechtlich, die Geschlechter sind allerdings vom Aussehen her nicht zu unterscheiden.

Viele der „neueren“ Arten lassen sich nicht so einfach halten und vermehren. Oft bedürfen sie eines erhöhten Pflegeaufwands beziehungsweise einer Haltung im Artbecken um sie dauerhaft am Leben zu erhalten. In der Regel lassen sich diese Arten nicht ausschließlich mit Futterresten ernähren, so dass gezielt gefüttert werden muss. Auch ist die Vergesellschaftung verschiedener Arten untereinander auf Grund der verschiedenen Nahrungsansprüche und dem daraus resultierenden Konkurrenz- verhalten problematisch.

In der Familie der Pachychilidae gibt es ca. 300 Arten, darunter zahlreiche größere attraktive Arten, besonders in den Gattungen Tylomelania, Brotia und Faunus. Brotia herculea erreicht immerhin stattliche 10 Zentimeter. Brotia pagodula hat eine sehr exotische Gehäuseform.

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u09Brotia-Arten vermehren sich im Aquarium zwar, sterben aber über einen längeren Zeitraum meist wieder aus. Viele Arten aus diesen beiden Gattung (und viele anderen Arten mit großen Gehäusen) haben bei unfreiwilliger Rückenlage auf kleinkörni- gem Bodengrund Schwierigkeiten, sich wieder in die normale Lage zu drehen. In der Folge gehen die betroffenen Tiere meist ein.
Aus den Seengebieten von Sulawesi wurden in den letzten Jahren einige Tylomelania- Arten eingeführt. Diese sind dauerhaft nur bei Temperaturen über 25°C zu halten. Die übrigen Wasserwerte scheinen neben- sächlich zu sein. Tylomelania-Arten lassen sich im Aquarium anfangs recht leicht vermehren, in den folgenden Generationen verblassen oft die Farben und die Gehäuseform vereinfacht sich beziehungsweise die Größe schrumpft zunehmend ein.

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Alle Schnecken der Familie  Pachychilidae sind zweigeschlechtig und ovovivipar, das heißt, die Eier werden im Weibchen in einem Brutbeutel bis zum Schlupf aufbewahrt.

Zu der Familie der Thiaridae, Kronenschnecken gehört die unverwüstliche Turmdeckelschnecke, Melanoides tuberculatus. Ähnlich anspruchslos sind die Genoppte Turmdeckelschnecke, Thiara winteri und die Venezolanische Turmdeckelschnecke Melanoides granifera. Die zu dieser Familie gehörende Haarschnecke, Thiara cancellata sieht mit den langen Auswüchsen am Gehäuse, deren Funktion rätselhaft ist, ungewöhnlich aus. Im Aquarium dauert diese Art meist nicht lange aus.

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u14Schnecken aus der Familie der Buccinidae, Klinkhörner sind zum allergrößten Teil Meeresbewohner. In der Süßwasser- aquaristik hat Anentome helena, die Raub-Turmdeckelschnecke (Bild links) als effektiver Schneckenfresser eine gewisse Beliebtheit erreicht. Nach kurzer Zeit fressen wenige Exemplare dieser Schneckenart sämtliche anderen Schnecken in dem entsprechenden Aquarium auf. Aus den an verschiedensten Gegenständen abgelegten Eiern schlüpfen zahlreiche Jungtiere, so dass sich eine Entfernung dieser Schneckenart sehr schwierig gestaltet und dadurch eine Schneckenhaltung anderer Arten in dem Becken auf lange Sicht nicht möglich ist.

Die Familie der Viviparidae, Sumpfdeckelschnecken umfasst ca. 100 Arten. Neben unseren beiden geschützten einheimischen Sumpfdeckelschnecken sind weitere Arten vereinzelt im Handel zu bekommen, insbesondere aus Asien werden Celetaia persculpta, Blaue Turboschnecke, Taia naticoides, Pianoschnecke, Paludomus loricatus, Bella-Schnecke und Cipangopaludina chinensis, Torpedoschnecke mehr oder weniger regelmäßig importiert.

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Viviparidae sind getrenntgeschlechtlich und lebendgebärend. Die Haltung gestaltet sich schwierig, da alle Sumpfdeckelschnecken Filtrierer sind. Im Aquarium ist selten eine ausreichende Menge an Plankton vorhanden, so dass die Tiere regelrecht verhungern. Bei einigen Arten hat sich Fütterung mit einem pulverförmigen Jungfischaufzuchtfutter bewährt.

Neritidae, Kahnschnecken beinhalten ca. 200 Arten welche  im Meer-, Brack- und Süßwasser vorkommen. Die Vermehrung im Aquarium ist noch nicht oder äußerst selten geglückt. Jungtiere durchleben wahrscheinlich eine planktonische Phase im Brack- oder Salzwasser. Im Süßwasseraquarium werden einige Arten gehalten. Die unter der Sammelbezeichnung Rennschnecken gehaltenen Arten gelten als eifrige Algenfresser. Sie erreichen oft ein für Süßwasserschnecken biblisches Alter von 5 – 10 Jahren. Durch ihre kompakte Gehäuseform können sie auch mit Cichliden und anderen schneckenfressenden Fischen gehalten werden.

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u21Von den Lymnaeidae, Schlammschnecken  gibt es etwa 100 Arten. Schlammschnecken sind Zwitter, es findet aber in der Regel keine Selbstbefruchtung statt. Die Eier werden in Gelegen an Wasserpflanzen und anderen Gegenständen gelegt. Im Aquarium werden oft Pflanzen angefressen. Im Kaltwasseraquarium sind unsere einheimischen Arten interessante Pfleglinge, die sich auch problemlos vermehren lassen. Unter Stress können Schlammschnecken laut Berichten in der Fachliteratur ein giftiges Sekret absondern, so dass sie nicht gemeinsam mit Fischen transportiert werden sollten.

Literatur:

Ziemke, Carsten: Süßwasser-Muscheln und Schnecken (Eigenverlag)

Weitere Süßwasserschnecken:

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Brotia armata                                                   Brotia binodosa

u26 08 u26a
Brotia dautzenbergiana                                 Brotia henrietta Genoppte Turmdeckelschnecke       
u26b u27
Brotia microsculpa                                           Clithon oualaniensis                                         

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Clithon sowerbyana                                         Clithon sowerbyana                                       

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Faunus ater                                                        Neripteron auriculata Fledermausschnecke           

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