Sie sehen u. a. lebende Haifische, Korallenfische, grüne Baumschlangen, Wasserschildkröten usw.

Prof. Dr. Dr. Günther H.W. Sterba                     Foto: Prof. Dr. Dr. Günther H.W. Sterba

Diesen Werbetext findet man in der Einladung zu einer Aquarienausstellung vom 18. bis 25. November 1956 in Jena, die von der Fachgruppe Aquarien- und Terrarienkunde mit Unterstützung des Kulturbundes in der Aula der Adolf-Reichwein-Schule veranstaltet wurde.

Als ich neulich in Jena an der Reichwein-Schule vorbeiging, belebte sich die Erinne-

 

rung an die Ausstellung und damit auch an all’ die Probleme, die dieses Vorhaben begleiteten. Rückblickend verdeutlichte sich aber auch die Tatsache, dass die Aquaristik und Terraristik in der Frühzeit der DDR -zumindest in Thüringen - ein relativ offenes Betätigungsfeld hatte. Ein Beispiel dafür liefert der nachfolgend zitierte Bericht aus dem Tagesblatt „Thüringische Landeszeitung, Ausgabe Jena“ vom 19.11.1955:

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Lebende Haifische zeigen zu wollen, welch’ eine Schnapsidee! Kein Zoologischer Garten der DDR hatte 1956 diese Möglichkeit. Die Pflege von Korallenfi-

 

schen hatte eben erst ihre Kinderschuhe anprobiert. Grüne Baumschlangen lebten nur in den Träumen der Terrarianer. Es war die Faszination der Idee, die alle Mitglieder

 

 

 

der Fachgruppe begeisterte und bei diesen und zahlreichen Freunden eine Einsatzbereitschaft auslöste, die alle Erwartungen übertraf.

In einem 3000 Liter Nordseebecken, 3 kleineren Seewasserbecken, 45 Süßwasserbecken, mehreren Terrarien, 3 großen Volieren und vier Vitrinen konnten gezeigt werden:

  • Glatthaie (Mustellus mustellus), Katzenhaie (Scyliorhinus caniculus, Abb.), Knurrhähne und einige andere Fische aus der Nordsee,
  • Anemonenfische (Amphiprion percula und A.bicinctus) –in den Tentakeln von Riffanemonen spielend- und andere Korallenfische aus der Javasee,
  • fast alle Arten von Süßwasserfischen, die damals in Thüringen und Sachsen gepflegt und z.T. gezüchtet wurden,
  • grasgrüne bis seegrüne, sowie braungefleckte Schmuckbaumnattern und Geckos aus Indonesien,
  • Schmuckschildkröten und andere Schildkröten verschiedener Herkunft,
  • Webervögel, Papageien, Zwergpapageien, Prachtfinken und andere Vögel verschiedener Provinienz,
  • Exponate des marinen Lebensraumes aus dem Phyletischen Museum der Universität und erläuternde Texte dazu, zur Schau gestellt in Vitrinen.

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Kleingefleckter Katzenhai (Scyliorhinus caniculus), etwa 65 cm

 

Während der Ausstellung fand fast täglich ein Vortrag zu dem Themenkreis „Lebenskreis Wasser“ in der Aula der Universität oder im Saal des Volkshauses oder im Palasttheater (Kino) statt. Für die Vorträge konnten mehrere Professoren der Universität Jena und Kollegen aus Frankfurt und München gewonnen werden. Hans Hass stellte seinen Film „Abenteuer im Roten Meer“ zur Verfügung. Werner Mönnig organisierte einen Lehrkurs über einheimische Fische, Lurche und Reptilien für Volksschüler.

Die 20mm dicken Glasscheiben für das Nordseebecken, damals in der DDR nicht zu. bekommen, besorgte Prof. Dr. H Knöll. Er ließ in seiner Institutswerkstatt auch den Aquarienrahmen für dieses Becken anfertigen. Das Seesalz, die Webervögel und zahlreiche seltene Süßwasserfische überließ uns kostenlos das Tropicarium Frankfurt, die Haie und anderen Nordseefische waren eine Spende des Nordseeaquariums in Bremerhaven, die Korallenfische und indonesischen Reptilien lieferte kostenlos, als Mustersendung deklariert, das Prinsenpark Aquarium Djakarta/Indonesien. Das Eis für die Kühlung des Nordseebeckens sicherte uns die Brauerei in Jena gleichsam als Freibier zu. Die örtliche Vertretung der Handelsorganisation der DDR, kurz HO genannt, übernahm die Abholung der Nordseetiere in Bremerhaven per Lieferwagen und zurrte dazu ein Riesenfass der Brauerei auf der Ladefläche fest.

Über die Freuden und Leiden während der Vorbereitungszeit und der Ausstellung selbst geben am besten einige Zitate aus Briefen und einige Tagebuchnotizen Auskunft.

Walter Simanowski* an Günther Sterba

„Djakarta, 15.8.1956

... Die Fische, die Du gern haben moechtest, schicken wir Dir als Muster zu.

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*Bis 1955 in Erfurt, mehrere Jahre Djakarta, später in leitender Position im Palmengarten Dortmund

 

 

 

... schreibe bitte an Lee Chin Eng, wenn moeglich amtlich, und bitte ihn um Zusendung zweier Plastiksaecke verschiedener Korallenfische.

Schreibe, daß auch weiterhin Bedarf besteht und, falls die Fische zur Zufriedenheit ankommen, mit weiteren Bestellungen zu rechnen ist (in englisch). ... Es besteht eventuell auch die Möglichkeit, die Fische direkt nach Berlin zu senden, es ist aber vielleicht umständlicher und so würde ich Frankfurt empfehlen. ...“

Günther Sterba an Walter Simanowski

„Jena, 3.10.1956

... bin ich mit meinen Seewasserbecken so weit, daß sie sich besetzen lassen, d.h. die Korallenfische in Quarantäne kommen können. ... Auch rückt der Zeitpunkt unserer Ausstellung bedenklich nahe. ... Die Sendung hole ich in Frankfurt mit dem Wagen ab. ... Schreibe bitte umgehend an Lilo einen feststehenden Termin, möglichst Ende Oktober, an dem die Fische in Frankfurt ankommen.“

Lilo Simanowski an Günther Sterba

„Frankfurt/Main, 23.10.1956

Heute teilte mir Walter mit, daß er Deine Fische am Sonnabend, den 27.10. auf den Flugweg bringen wird. Dann käme der Transport am Montag um 16.45 hier an.“

Lee Chin Eng an Günther Sterba

„Djakarta, 19.10.1956

We are sending you herewith 2 plastic-bags marine fishes as samples for which no payment is required. We also enclose some reptiles…”

Günther Sterba an Walter Simanowski

„Jena, 8.11.1956

Dich wird am meisten die Frage des Transportes interessieren. ... Das Flugzeug landete wegen schlechten Wetters nicht in Frankfurt, sondern flog nach Amsterdam durch. Die Lieferung kam deshalb erst Dienstag mittags in Frankfurt an. Durch die lange Verzögerung gab es Verluste. Die A.percula waren alle veren-

 

det, die anderen Amphiprion, die schönen Coris-Arten, die beiden juv. Scaridae und der Antennarius dagegen wohlauf. In guter Verfassung waren auch die Riffanemonen und die Reptilien. Hans Schmidt vom Tropicarium gab mir 8 Percula im Tausch gegen 3 Coris. In der Quarantäne erholten sich alle Tiere gut, die Percula schwänzeln ständig um die weit geöffneten Anemonen und wälzen sich in deren Tentakelwald. Einige Fische nehmen Krebsfutter, die meisten aber nicht.

Die grünen Baumschlangen retteten den Grenzübertritt, der zunächst wegen des fehlenden tierärztlichen Attests Schwierigkeiten machte, diesmal auf westlicher Seite. Angeblich existiert ein Abkommen mit der DDR. In einem Telefonat sicherte mir Hans die sofortige Beschaffung einer amtlichen Bescheinigung zu und wollte diese telegrafisch an die Grenzstelle schicken. Warten, warten. Etwa um 20 Uhr immer noch kein Telegramm, draußen wurde es ziemlich kalt. Mir freundlich angebotener Tee ermunterte mich zu der Bitte, die kälteempfindlichen Tiere in einen geheizten Raum bringen zu dürfen. Mit der Einlagerung kam auch die Neugierde. Nach der Demonstration der munteren Fische und der niedlichen Geckos, entleerte ich den Beutel mit den harmlosen, aber so giftig aussehenden grünen Trugnattern auf den Fußboden. Durch die Kälte bewegten sich diese zwar nur wie lahme Regenwürmer, aber bedingten ein Entsetzen, das schließlich zu der Empfehlung führte, nicht weiter auf die Bescheinigung zu warten, sondern einzuladen und weiterzufahren. Auf der etwas unfreundlicheren DDR-Seite genügte der Hinweis, daß mich die Westkollegen schon 3 Stunden aufgehalten hätten. Die grünen „Ungeheuer“ musste ich nicht bemühen. Um Mitternacht war ich in Jena, seit 20 Uhr von Franke und Siegel erwartet.“

 

 

 

 

Aus meinen Tagebuchnotizen während der Ausstellung:

18.11.1956 :   Pünktlich 14 Uhr Eröffnung der Ausstellung. Der Andrang war zeitweise so groß, daß wir schubweisen Einlaß organisieren mussten und damit manchen Besucher verärgerten.

 

 

 

19.11.1956  Die Wassertemperatur im Nordseebecken ist auf 18 oC gestiegen. Zwei Riegel Eis /Tag genügen nicht. Die Brauerei hat 4 Riegel/Tag zugesagt. Auch hat sich das Seewasser etwas eingetrübt. Die Glatthaie schwimmen oft im Schwarm.

21.11.1956    1 Glatthai verendet, die anderen munter. Wassertemperatur immer noch zu hoch. Bislang keine Verluste bei den Reptilien, erstaunlich, die Besucher können es nicht lassen, an die Scheiben zu klopfen.

25.11.1956    Heute, um 20 Uhr, ist zum Glück alles überstanden. Die Wachdienste (tagsüber 4, nachts 2 Mitglieder) strapazieren die Geduld der Familien seit Tagen, außerdem 2 Mitglieder durch Erkrankung ausgefallen. Insgesamt sollen fast 10.000 Besucher die Ausstellung gesehen haben, in den letzten Tagen kamen viele Schulklassen und sogar Kindergärten. ...

 

In 2 Salmler-Becken zeigen die Fische Ichthyophthirius-Befall. Ein zweiter Glatthai ist verendet. Einen anderen konnten wir retten. Franke hatte die Idee, ihn festzuhalten, einen Lüftungsschlauch in das Maul einzuführen und sprudeln zu lassen. Nach einigen Minuten wurde er tatsächlich wieder munter.

26.11.1956    Beginn des Abbaues, die HO stellt für 2 Tage 2 Lieferwagen. Prof. Knöll besorgt die Übersiedlung des Nordseebeckens und der Insassen in sein Institut. Die Fachgruppe hat heute beschlossen, die als Geschenke zur Verfügung gestellten Tiere an Mitglieder und an besonders verdiente Helfer zu verteilen, wobei jeder Wünsche äußern kann, deren Abgleichung ich übernehmen soll. Vermutlich die schwerste Aufgabe der Ausstellung.

 

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