Neu entdeckte Schmerlen in Myanmar

Text und Fotos: Dr. Rainer Hoyer

Schmerlen gehören einer Fischgruppe an, die nicht besonders im Fokus der Aquaristik steht. Dabei gibt es jedoch viele Arten, die durchaus hübsch gefärbt und interessant sind. Während sie vor einigen Jahren noch als nicht züchtbar galten, gelingt inzwischen die Vermehrung der einen oder anderen Art im Aquarium.

Besonders viele Arten in verschiedenen Gattungen gibt es in Südostasien. Auf mehreren Reisen nach Myanmar gelang es uns, 32 Arten Schmerlen zu fangen und fotografisch zu dokumentieren. In diesem Beitrag will ich mich auf diejenigen Schmerlen beschränken, die unbeschrieben waren und bei denen wir direkt oder indirekt daran beteiligt waren, sie der Wissenschaft zugänglich zu machen.

Während der zweiten Reise im Jahr 2005 hatten wir durch Zufall in dem kleinen Städtchen Hsipaw im Nordosten von Mandalay in Richtung der chinesischen Grenze Halt gemacht und dort übernachtet. Die Gegend schien interessant. Die Reiseplanung ließ aber keinen längeren Stopp zu, so dass wir den Ort für 2007 in die Reiseplanung aufnahmen. Neben interessanten Fischen gab es hier auch eine Vielzahl an Libellen und Schmetterlingen, so dass wir auf den Reisen 2009, 2011 und 2012 erneut hierher kamen.

Hsipaw liegt im Land der Shan, einer von vielen Minderheiten in Myanmar, die sich auch während der englischen Kolonialzeit eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt hatten. Das Gebiet ist bergig mit Höhen von 400 – 800 Metern, aber auch von Hochebenen durchsetzt.

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s03Auf einer solchen liegt Hsipaw. Die Umgebung wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. Die Bäche aus den Bergen entwässern in den Dot Hta Waddy (Kleiner Fluss, Abb. 1), der seinerseits in den Ayeyarwaddy fließt. Die Gegend gehört damit zum Gewässersystem dieses gewaltigen Stromes.

Die zahlreichen Bäche sind natürlich besonders interessant. Unmittelbar bei Hsipaw mündet ein solcher Bach (Abb. 2) – der Nam Paw – in den Dot Hta Waddy. Er entspringt in den nahen Bergen und hat eine Länge von höchstens vier bis fünf Kilometern. Sogar ein wenig Gold (Abb. 3) kommt hier vor. Der Bach floss selbst jetzt in der Trockenzeit ziemlich rasch. Er war zudem von Steinen unterschiedlicher Größe durchsetzt, so dass ein Fischfang mit unseren Mitteln nicht möglich war.

Wir hatten Glück, dass wir bereits 2007 Einheimische beim Fischfang mittels Elektroden und einer Autobatterie antrafen (Abb. 4), deren Hilfe wir in Anspruch nahmen. Nur so war es uns möglich, Fische in zahlreichen Arten zu fangen (Hoyer, 2010). Auch in den folgenden Jahren gingen sie uns zur Hand.

s04Unter deren Fängen waren bereits 2007 Schmerlen, deren Körperzeichnung außerordentlich variabel war (Abb. 5 und 6). Die Abbildungen wurden  Dr.  Jörg  Bohlen,  Institute  of   Animal Physiology and Genetics, Academy of Sciences of the Czech Republic zur Bestimmung übergeben. Er war sich sofort sicher, dass es sich um eine wissenschaftlich bisher unbeschriebene Art handeln müsse. Dem schloss sich die Bitte an, bei künftigen Reisen konserviertes Material mitzubringen. Während der nächsten Reise 2009 gelang uns dann der Fang ausreichend vieler Exemplare, die in Alkohol beziehungsweise Formalin die Reise nach Hause antraten.

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Neben dieser Art kamen noch mehrere andere Schmerlen hier vor. Eine davon war eine recht hübsch gezeichnete langgestreckte Art (Abb. 7). Auch sie wurde konserviert, ebenso eine dritte Art (Abb. 8).

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s09Bohlen beschrieb die erste Art später gemeinsam mit seiner Frau (Bohlen & Šlechtová, 2011) als Pteronemacheilus lucidorsum. Er stellte dabei eine neue Gattung auf. Der Gattungsname bezieht sich auf einen flügelähnlichen Fortsatz an der Brustflosse der Männchen. Der Artname beschreibt einen hellen Strich entlang des Rückens (Hoyer, 2011, Abb. 9).

Die zweite Art wurde in die Gattung Schistura gestellt. Sie wurde in der gleichen Arbeit als Schistura callidora  beschrieben, wobei die Autoren mit dem Artnamen das schöne Aussehen der Fische honorierten („callidora“ = mit Schönheit gesegnet).

Bei der dritten Art handelt es sich erneut um eine Schmerle aus der Gattung Schistura. Sie gehört einem Artenschwarm an, der sich morphologisch nur wenig unterscheidet (Bohlen, pers. Mitt.). Sie ist noch unbeschrieben.

Von einer weiteren Schmerle (Abb. 10) wurden lediglich Fotos angefertigt. Sie zeichnete sich durch eine intensive Fleckenzeichnung am Kopf (Abb. 11) aus. Aber gerade sie brachte Jörg Bohlen in Verzückung, so dass er unter anderem deshalb 2011 an der Reise teilnahm. Hierbei gelang der Fang ausreichend vieler Exemplare, so dass sie als Schistura puncticeps  beschrieben werden konnten (Bohlen & Šlechtová , 2013a). Der Artname „puncticeps“ nimmt Bezug auf die Punktierung der Kopfregion (Hoyer, 2014).

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s12Bei seinen Fängen ging ihm eine weitere unbeschriebene Schmerle ins Netz (Abb. 12), die wir vorher noch nicht gefunden hatten. Sie wurde als Schistura pawensis  beschrieben (Bohlen & Šlechtová, 2013b). Der Artname würdigt den kleinen Bach Nam Paw.

Mit Physoschistura raoi (Hora, 1929), Lepidocephalichthys berdmorei (Blyth, 1860) und Pangio pangia (Hamilton, 1822) kamen in diesem Bach noch drei weitere Schmerlen vor. Es waren damit immerhin insgesamt sieben verschiedene Schmerlenarten.

Neben dem in Myanmar weit verbreiteten Schlangenkopf Canna gachua  (Hamilton, 1822), dem Blaubarsch Badis ruber Schreitmüller, 1923, verschiedenen Barben und Bärblingen und einer Grundel konnten wir mit einer Oreochromis-Art auch hier schon einen Neobiont finden.

Auf der gemeinsamen Reise mit Jörg Bohlen hatten wir in der Distrikthauptstadt Magwe Station gemacht, um von dort aus in Rakhine Mountains zu fahren. Die Fahrt stand anfangs unter keinem guten Stern, denn entlang der einzigen befahrbaren Straße bot sich keine Möglichkeit, Fische zu fangen. Auf dem Rückweg teilten uns Einheimische mit, dass es abseits der Straße einen Fluss namens Man Chaung gäbe, der dann unser Ziel war. In einem kleinen einmündenden Bach fanden wir zahlreiche Fische, darunter drei Schmerlenarten, aber auch einen wissenschaftlich unbeschriebenen Schlangenkopffisch.

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Im Fluss selbst (Abb. 13) war die Ausbeute noch reichhaltiger. Neben Welsen, Karpfenfischen und Blaubarschen konnten hier Schmerlen gefangen werden (Hoyer, 2013a). Eine davon war auch wieder unbeschrieben. Bohlen nahm davon Konservate mit nach Hause und beschrieb sie (Bohlen & Šlechtová (2013b)) als Schistura rubrimaculata (Abb. 14, Bild: J. Bohlen). Der Artname weist auf einen roten Fleck in der Schwanzwurzel oberhalb des Seitenstreifens hin. Sie ähnelt sehr der kleinen Schmerle Schistura pawensis aus Hsipaw.

Im Jahr 2005 hatten wir auf dem Weg von Pyay nach Pathein in der Ortslage Pwe Set einen in der Trockenzeit sechs bis acht Meter breiten und bis zu fünfzig Zentimeter tiefen Bach (Abb. 15) überquert und dort auch Fische gefangen.

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Neben Aplocheilus panchax, einem weit verbreiteten Killifisch und silberfarbenen Barben ging uns eine Schmerle ins Netz (Abb. 16), die zuerst als Lepidocephalichthys cf. annandalei angesprochen wurde. Auch 2009 kamen wir dort vorbei und fingen Fische. Die Schmerlen wurden sowohl konserviert als auch einige lebend mitgebracht. Bohlen (pers. Mitt.) stellte fest, dass sie trotz ihrer geringen Größe ausgewachsen waren. Nach seinen Untersuchungen handelt es sich um eine unbeschriebene Art. Eine wissenschaftliche Beschreibung ist noch nicht erfolgt.

Abschließend soll noch über eine weitere unbeschriebene Schmerlenart berichtet werden, die wir 2011 auf der Strecke zwischen Chauntha und Ngwe Saung in einem kleinen, ausnahmsweise klaren Bach (Abb. 17) finden konnten (Hoyer, 2013b).

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Die bergige Gegend war weitgehend entwaldet und durch Kautschuk-Plantagen ersetzt worden. Das hatte zu massiver Erosion geführt, infolge derer die Bäche ansonsten Lehm trüb waren. Diese Art war erneut mit 2,5 Zentimetern sehr klein (Abb. 18). Die Konservate ergaben aber, dass es sich um geschlechtsreife Tiere handelte. Auch diese Tiere sind noch nicht wissenschaftlich beschrieben.

Es ist also durchaus möglich, als aufmerksamer Aquarianer Beiträge zur wissenschaftlichen Erforschung der Fischwelt zu erbringen.


Literatur:

Bohlen, J. & Šlechtová, V., 2011: A new genus and two new species of loaches
             (Teleostei: Nemacheilidae) from Myanmar. Ichthyological Exploration
             of Freshwaters, 22 (1): 1-10
Bohlen, J. and V. Šlechtová , 2013a: Schistura puncticeps, a new species
             of loach from Myanmar (Cypriniformes: Nemacheilidae). Ichthyol.
             Explor. Freshwat. 24(1):85-92
Bohlen, J. & V. Šlechtová 2013b: Two new species of Schistura from Myanmar
             (Teleostei: Nemacheilidae); Ichthyol. Explor. Freshwaters, Vol. 24, No. 1, 21-30
Hoyer, R. 2010: Schmerlen in Myanmar, ergänzende Bemerkungen,
             BSSWReport 22 (3) 7-22
Hoyer, R. 2011: Eine neue Gattung und zwei neue Arten Schmerlen aus
             Myanmar; Amazonas, 7 (38),10-11
Hoyer, 2013a: Weitere Schmerlen in Myanmar Teil 2: Von Hsipaw nach Magwe;
             BSSW Report 25 (2); 17 – 23
Hoyer, 2013b: Weitere Schmerlen in Myanmar Schluss: Von Magwe zur
             Westküste; BSSW Report 25 (3) 2013; 30-37
Hoyer, R. 2014:   Die „Superschmerle“ hat einen Namen; Drei neue Schmerlen
             aus Myanmar; BSSW Report 26 (3) 2014 24 - 26

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