Prof. em. Dr. rer. nat. habil. Dr. hc. Günther Sterba

geboren am 20. Mai 1922                         Klaus Breitfeld

STERBA1a02

Es gibt wohl kaum einen ernsthaften Aquarianer in der Welt, der mit dem Namen Sterba nichts anzufangen weiß. Immerhin sind  in  den vergangenen  45 Jahren etwa  1 400 000 Bücher erschienen, die diesen Namen als Autor oder Herausgeber nennen. Sterba´s Bücher wurden nicht nur in deutscher Sprache publiziert. Es gibt Ausgaben in Englisch, Niederländisch und anderen Sprachen. In den USA wird Sterba´s Buch „Freshwater Fishes of the World“ den Studenten an einigen ichthyologischen Fakultäten als Fachliteratur empfohlen. Besonders bekannt sind Sterba´s „Aquarienkunde“ in zwei, später einem Band, die „Süßwasserfische aus aller Welt“, ab der 4. Auflage (1987) als „Süßwasserfische der Welt“ benannt, und das „Lexikon der Aquaristik und Ichthyologie“.

 

Prof. Sterba interessierte sich bereits als 12-jähriger für Zierfische und ist diesem Hobby bis heute treu geblieben. In seinem Haus in Markkleeberg bei Leipzig stehen noch immer Aquarien, die von ihm und seinen Kindern betreut werden.

Prof. Sterba wurde am 20. Mai 1922 im tschechischen Brüx geboren, studierte in Prag und Jena Humanmedizin, später in Jena zusätzlich Zoologie. 1949 promovierte er in Jena, wo er sich 1953 auch habilitierte und war viele Jahre am Zoologischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig. Er hielt Vorlesungen über Vergleichende Anatomie, Histologie und Embryologie. 1959 erhielt der Jubilar einen Ruf an die damalige Karl-Marx-Universität Leipzig und blieb als erfolgreicher Hochschullehrer am dortigen Zoologischen Institut in der Talstraße bis zu seiner Emeritierung 1987.

Im Vorwort zur 10. Auflage der „Aquarienkunde 1“ schreibt der Autor: „Die 1. Auflage des 1. Bandes erschien im Herbst 1954. Damals konnten weder der Verlag und schon gar nicht der Autor voraussehen, dass sich dieses Buch auf der Basis einer kontinuierlich steigenden Nachfrage zu einem Erfolg entwickeln würde.“ Im Text zum Schutzumschlag heißt es dort zur Einführung: „Allgemeinverständliche Darstellungsweise und wissenschaftliche Gründlichkeit sind die besonderen Vorzüge der vorliegenden „Aquarienkunde“, die seit ihrem ersten Erscheinen zu einer der bekanntesten Anleitungen für den Aquarienfreund geworden ist. Sie enthält alle technischen Einzelheiten, die ein Liebhaber bei der richtigen Pflege seiner Zierfische wissen muss. Darüber hinaus wird eine Einführung in biologisches Grundwissen vermittelt, die es ermöglicht, selbst kleine wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen. Dazu gehören Ausführungen über die Anatomie, die Entwicklungsgeschichte, die Vererbung, die Fortpflanzung, das Verhalten, die Brutpflege und die Zucht der Aquarienfische sowie über Futtermittel und Futtertiere.“

Die 1. Auflage des 2. Bandes der Aquarienkunde hatte ihre Premiere 1955. Damit begann das immer mehr zunehmende Interesse an Sterba´s Büchern, das eigentlich bis zur Wiedervereinigung Deutschlands und den damit verbundenen einschneidenden Veränderungen auch auf dem Buchmarkt angehalten hat. Über Jahrzehnte hinweg blieb Prof. Sterba mit dem Urania-Verlag in Leipzig eng verbunden. Es gab Lizenzausgaben im Eugen Ulmer Verlag Stuttgart und im Weltbild-Verlag, der im Jahr 2000 die 9. unveränderte Auflage der „Süßwasserfische der Welt“ herausbrachte.

Sterba hat es über die vielen Jahre hinweg verstanden, bekannte und bedeutende Aquarianer, die z.T. seine Schüler sind, zur Mitarbeit an seinen Büchern zu gewinnen. So unter anderem Klaus Breitfeld, Gerd Brückner, Walter Foersch, Hanns-Joachim Franke, Joachim Kormann, Helmut Mühlberg, Winfried Naumann, Helmut Sander, J. J. Scheel, Axel Zarske. Das geschah verstärkt in den 80er Jahren aus der Erkenntnis heraus, dass ein Einzelner nur schwerlich in der Lage ist, das Gesamtgebiet der Aquaristik zu überschauen und besonders im Hinblick auf die Nomenklatur stets dem aktuellen wissenschaftlichen Stand zu entsprechen. Erinnert sei auch an die hervorragenden Aquarienfotografen wie Hans Joachim Richter, Walter Foersch, Wolfgang Sommer und andere, die zur erstklassigen Ausstattung der Bücher beigetragen haben. Dazu gehört auch die Erwähnung der Graphiken von Traudl Schneehagen, die besonders in dem Buch „Süßwasserfische der Welt“ eine bewundernswerte Leistung darstellen. 

Ab und an wurde bei Sterba´s Büchern kritisch vermerkt, dass nicht immer die neuesten lateinischen Namen der Fische verwendet werden. Hier beruft sich Sterba an verschiedenen Stellen auf Denys W. Tucker, vormals Assistent Keeper an der Sektion Fische am Britischen Museum für Naturgeschichte (London) und dessen Meinung, die mit seiner eigenen übereinstimmte. Tucker vertritt folgenden

 

Standpunkt: „Es kann nicht deutlich genug betont werden, dass die Beschreibung einer als „neu“ angesehenen Art eine besondere Verantwortung, ein Höchstmaß an Kenntnissen und Erfahrungen und die exakte Beherrschung der komplizierten international anerkannten Nomenklaturregeln erfordert. In den meisten Disziplinen der Wissenschaft ist es möglich, schlechte Arbeiten zu ignorieren. Im Gegensatz dazu müssen in der Taxonomie auch die schlechtesten Arbeiten berücksichtigt werden. Aus dieser Situation leitet sich die Tatsache ab, dass gute Taxonomen gezwungen sind, einen unverhältnismäßig großen Anteil ihrer Zeit und ihrer Anstrengungen an äußerst artifizielle und überflüssige, von schlechten Taxonomen geschaffene Probleme vergeuden zu müssen, der ihnen bei der Bearbeitung echter, von der Natur gestellter Fragen fehlt. Amateure sollten deshalb solange auf taxonomische Publikationstätigkeit verzichten, bis sie entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten erworben haben. Auch ist es nicht ratsam, Erstbeschreibungen in unbekannten Aquarienzeitschriften zu publizieren, da diese dort der Gefahr ausgesetzt sind, für viele Jahre übersehen zu werden und nach ihrer Wiederentdeckung zwischenzeitlich eingeführte Namen über den Haufen werfen.“ Und Sterba selbst meint dazu: „Die Aquaristik wäre gut beraten, wenn sie nicht jede Namensänderung sofort aufgreifen, sondern abwarten würde, ob die Änderung allgemeine Anerkennung findet.“

Prof. Sterba hatte während der Arbeiten an seinen Büchern auch verschiedene Kontakte mit bekannten Killifischfreunden. Im Vorwort zur 3. Auflage der „Süßwasserfische aus aller Welt“ 1977 schreibt er: “Die gründliche Analyse der Verbreitung ganzer Fischgruppen hat, verbunden mit verbesserten systematischen Bestimmungsmethoden, Verhaltensstudien, Kreuzungsexperimenten und genetischen Untersuchungen zu hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen

geführt. Die von J. J. Scheel, E. Roloff, S. Clausen und anderen erarbeitete moderne Systematik der eierlegenden Zahnkarpfen Westafrikas ist dafür nicht nur ein Beispiel, sondern demonstriert auch deutlich, dass die Aquaristik einen eigenen wissenschaftlich fruchtbaren Arbeitsstil entwickelt hat, durch den die Kluft zwischen aquaristischer und wissenschaftlicher Ichthyologie weitgehend beseitigt wird.“

Prof. Sterba unterhielt und unterhält noch immer Kontakte zu Aquarianern in aller Welt. Er ist Ehrenmitglied verschiedener aquaristischer Vereinigungen, z.B. der Isis München und des Vereins für Aquaristik Nymphaea Leipzig 1892 e.V. Die Federation of British Aquatic Societies, der Dachverband der britischen Aquarienvereine und Aquarienclubs, verlieh ihm ehrenhalber den Titel eines Vicepräsidenten.

Wissenschaftlich bearbeitete Prof. Sterba vor allem das Zusammenspiel von Nerven- und Hormonsystem im Wirbeltierkörper, ein Teilgebiet der Neurobiologie, das in den letzten Jahrzehnten vor allem für die medizinische Praxis interessante Anregungen lieferte. Auf zahlreichen Kongressen hielt er Hauptvorträge, in Japan und Chile mehrwöchige Vorlesungen. Seit seiner Emeritierung stehen Moluskenschalen im Vordergrund, vor allem ihre histologischen Strukturen und die Entstehung ihrer Farbmuster. Damit verbunden sind Reisen in tropische und subtropische Gebiete der Erde zur Beobachtung der natürlichen Verbreitungsareale.

Prof. Sterba zeichnete sich in der Aquaristik nicht durch bemerkenswerte Erstzuchten spezieller Arten aus. In den Nachkriegsjahren hatte er sein Familien- und Studiumbudget zwar mit Keilfleckbarben- und Neonzuchten aufgebessert, jedoch blieben Literatur und Schreibtisch immer sein wichtigstes Betätigungsfeld. Literatur und Feder ermöglichten ihm die Realisierung des Bemühens, dem Aquarianer die Schönheit des Aquariums und den Zauber seiner Bewoh-

 

ner nahezubringen und das überall ständig steigende Potential des zoologisch-aquaristischen Wissens zu filtern und allen Aquarianern populärwissenschaftlich exakt nahezubringen. Das kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und ist ein Verdienst, das unbedingt einer Erwähnung bedarf. Im Vorwort zur 9. Auflage der „Aquarienkunde“ schreibt Prof. Sterba im Herbst 1987: „Die Aquaristik hat in den letzten Jahren einen unerwartet starken Zulauf zu verzeichnen. Etwa 130 Millionen Menschen widmen sich heute dieser Liebhaberei. Der Trend lässt sich letztlich auf die wachsende Verantwortung für unsere natürliche Umwelt und das damit zunehmende Interesse an Tieren und Pflanzen zurückführen. In einer Funk- und Fernsehwelt bewahrt uns das Aquarium die Faszination der selbständigen Naturbeobachtung, des selbständigen Entdeckens von Lebensvorgängen in einer Form, die sich dem Alltag einfügen und den Wohnverhältnissen anpassen lässt. Für viele Erwachsene ist die aquaristische Betätigung erholsamer Ausgleich und damit Entspannung, für viele Jugendliche der erste eigenverantwortliche Umgang mit Tieren.“

Prof. Sterba sei für alles das gedankt, was er bisher für die vielen Aquarianer der Welt geleistet hat. Es wird nicht wenige von ihnen geben, die auch heute noch seine Bücher immer wieder mit großem Gewinn zur Hand nehmen. Prof. Sterba sei Gesundheit, weiterhin Freude an der Natur und Glück in der Familie gewünscht. Seine Bücher sind sein aquaristisches Lebenswerk und werden unvergessen bleiben, so wie die Werke von Arnold, Ahl, Bade, Holly, Ladiges, Meinken oder Rachow, um nur einige der „Großen“ der Aquaristik zu nennen.

Zurück zur Inhaltsangabe

Zum nächsten Artikel