Wie ich plötzlich Halter von Priapichthys nigroventralis (Eigenmann & Henn, 1912) wurde …

Text: Manuela Koppe                                                                                 Bilder: Dirk Stojek

„Kann ich Dir meine Fische überlassen?“ Diese Frage bekam sicher der eine oder andere schon zu hören – und da hat man noch Glück. Denn da ist meistens noch Zeit, nachzudenken, abzuwägen und zu entscheiden …
Bei mir lief das etwas anders. „Nimm die bitte zu Dir, oder ich kippe sie ins Klo.“ Na gut, ich hätte auch „nein“ sagen können, doch mein Interesse war sofort geweckt, als ein Bekannter mir mit diesen nicht ganz ernst gemeinten Worten ein Glas vor die Nase hielt, in dem drei unscheinbar graue, mir völlig unbekannte Minifische wie angenagelt auf einer Stelle schwammen.
Ich: „Was sind denn das für welche?“ Er: „Nach langer Suche im Internet habe ich sie als Priapichthys nigroventralis finden können. Sie waren als Beifang beim Garnelenkauf zu Hause als winzig kleine Fische aufgetaucht.“
Jetzt war mir klar, dass die Tiere nie im Klo gelandet wären, denn wer sich die Mühe macht, eine ihm unbekannte Fischart großzuziehen, wirft sie nicht einfach weg. Die Wahrheit war, dass er als Channa-Halter einfach keinen Platz für die drei hatte, sollten sie nicht als Fischfutter enden.
Meine Entscheidung war gefallen und ich bekam noch einige Informationen. Die Temperatur sollte bei 20 – 27 Grad Celsius liegen, hartes Wasser sei kein Problem, aber sie seien schlechte Esser und benötigen kleines Lebendfutter. Probieren konnte ich es wenigstens, denn ich hatte Pantoffeltierchen und Mikrowürmer zu Hause – man konnte ja auch versuchen, sie an anderes Futter zu gewöhnen.
Zu Hause angekommen, wurden sie in ein Nano-Becken einquartiert und es zeigte sich, nachdem sie zur Ruhe gekommen waren, dass es zwei Männchen und ein Weibchen waren.
Pr. nigroventralis gehören zu den lebendgebärenden Arten und betreiben eine innere Befruchtung der Eier durch eine zum Begattungsorgan umgewandelten Afterflosse der Männchen, die scheinbar im Sekundenbruchteil kurz beim Weibchen eingeführt wird. Jeweils im Abstand von einigen Tagen werden ein bis zwei Jungfische abgesetzt.

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Eines der beiden Männchen (linkes Bild, rechts zwei Weibchen) hatte sich inzwischen eingefärbt und sah nicht mehr grau sondern ockerfarbig mit Silberglanz aus und zeigte eine schöne gelb-schwarze Rückenflosse. Es begann auch sofort die beiden anderen Tiere zu dominieren und forderte als erstes das andere Männchen heraus. Es folgte ein „Fechtkampf“ beider mit nach vorn geklapptem Gonopodium, ohne dass sich die Flossen berührten. Der Kampf war nach ungefähr fünf Minuten entschieden und der Herausforderer stand als Sieger fest. Der Unterlegene verzog sich unter eine Wurzel und kam fortan nur selten wieder heraus. Das Weibchen wurde nun unablässig angebalzt und durch das gesamte Becken getrieben. Es wurde aber nicht verletzt. Allerdings nahm es im Gegensatz zu den Männchen kein Futter – Mikrowürmchen – an. Offenbar war es doch stark gestresst.
Die nächste zwei Tage hatte ich ausreichend Zeit und konnte mich um die „Neuen“ kümmern. Wenn das unterlegene Männchen zum Vorschein kam, wurde es ohne Umschweife vertrieben. Das Verhalten gegenüber dem Weibchen war unverändert und – was bedenklich war – es fraß weiterhin nicht. Am vierten Tag setzte ich das dominante Männchen und das Weibchen in ein anderes Becken um. Das hatte zwar nur eine geringe Tiefe von zehn Zentimetern, war aber sechzig Zentimeter lang und dreißig Zentimeter hoch. Jetzt war erst einmal Ruhe. Das Weibchen wurde zwar ständig begleitet und gelegentlich angebalzt, aber nicht bedrängt. Nun nahm sie auch Futter an, zuerst war es Mikro, dann auch fein zerriebenes Trockenfutter. Allerdings gab es am kommenden Tag wieder das gleiche Bild wie zu Anfang und am Abend war das Weibchen nicht mehr zu sehen. Nach einigem Suchen fand ich sie vertrocknet auf der Deckscheibe. Sie war durch einen Spalt entkommen.
Ab hier müsste ich meine Erzählung eigentlich beenden, doch vieles hat glücklicher Weise auch ein Happy End. Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, nutzte ich meinen nächsten freien Tag, um im Internet alles durchzulesen, was es so an Informationen gab. Im Resultat stellte ich fest, dass ich eine größere Gruppe der Fische brauchte, damit sich die Aggressionen besser verteilen konnten. Aber woher nehmen???
Meine Anzeige in der Rubrik Kleinanzeigenmarkt wurde schon nach 24 Stunden beantwortet: „Ich halte und züchte Priapichthys.“ Nach einigem Hin und Her wurde der Kaufpreis ausgehandelt und die Erkenntnis gewonnen, dass man sich bereits kannte. Jetzt gab es noch jede Menge Informationen gratis.
So kam ich nach einigen weiteren Tagen zu zwei Weibchen, die ich gemeinsam mit dem bisherigen Unterlegenen in das sechzig Liter Becken setzte. Die Tiere standen nun unter ständiger Beobachtung und die Deckscheibe wurde ausbruchsicher aufgelegt. Zuerst wurde wieder die Rangordnung geklärt. Das unterlegene Männchen wurde zwar vertrieben und richtete sich dauerhaft in der Beckenmitte ein. Von da an gab es keine Probleme mehr. Die beiden Weibchen wurden dagegen von Anfang an nicht gejagt und konnten auch – so wie das zweite Männchen – ungestört alles fressen, was ich ihnen vorsetzte.

f03Nach dem Umzug in ein größeres Becken von zwei Meter Länge, fünfzig Zentimeter Breite und dreißig Zentimeter Höhe besetzt nun das dominante Männchen 1,5 Meter der Länge. Dem zweiten bleibt der Rest. Die Weibchen haben Narrenfreiheit und sind hüben wie drüben gern gesehen. Sie werden von beiden „umgarnt“ und fast schon in Zeitlupe zu „Muttis“ gemacht. Mit dem Futter gibt es weiterhin keine Probleme. Inzwischen kann ich das siebente Jungtier vermelden. Das erste ist bereits halb so groß wie seine Eltern. Es wird wohl auch in Zukunft spannend bleiben, denn wie wird wohl das Revier aufgeteilt, wenn unter dem Nachwuchs mehrere Männchen sein sollten? Werden unter den neuen Konstellationen vielleicht auch die Weibchen zu leiden haben?

Der Ausgang ist offen …

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