Die indische Hochflossenbarbe Oreichthys crenuchoides

Text: Michael Drescher                                                                                Fotos: Dirk Stojek

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Normalerweise befasse ich mich kaum mit Barben und Bärblingen. Lediglich Kardinalfische (Tanichthys albonubes), Perlhuhnbärblinge (Danio margaritatus) und Bitterlingsbarben (Barbus titteya), die sich dann sogar spontan in einem größeren Gesellschaftsaquarium vermehrten, haben in den letzten Jahren in meinen Becken gelebt. Viele andere Vertreter der Gattung sind mir zu hektisch oder werden zu groß.

Nachdem ich aber vor etwa eineinhalb Jahren einige Fischnachzuchten beim Händler meines Vertrauens abgegeben hatte, verfügte ich plötzlich über ein fast leeres Becken. Um dieser Leere zu begegnen, suchte ich – seit über 35 Jahren ganz „Jäger und Sammler“ - die Verkaufsbecken nach Fischen ab, die ich noch nie im Bestand hatte und die klein genug waren, um ein geeignetes zu Hause bei mir zu finden.

In einem Becken schwammen etwa 2,5 cm lange Fische, die zwar farblich nicht gerade viel hermachten - außer einem netzartigem Muster auf der Schuppenbasis und einem schwarzen Schwanzfleck waren sie silbrig-, doch die etwas größeren Männchen hatten außergewöhnlich vergrößerte Rückenflossen. Diese spannten sie abwechselnd fächerartig auf oder klappten sie zusammen und ließen sie herabhängen. Die überdimensionalen Rückenflossen gaben den Fischchen ein skurriles Aussehen. Bei Nichtaquarianern heutiger Tage werden angesichts der großen Augen zudem vielleicht Assoziationen an Pokemons geweckt.

Ich glaubte mich zudem an einen älteren Artikel über diese Fische zu erinnern, dem auch farbenfrohere Bilder beigefügt waren. Der Preis der Tiere war sehr überschaubar. Also ließ ich mir versuchsweise zwei Paare heraus fangen.

Zu Hause angelangt kamen sie in ein 54 l Keilbecken, Marke Eigenbau, wie es in zahlreichen Aquarienforen beschrieben wird. Es enthielt etwa 2-3 cm Bodengrund aus feinerem Kies und war mit Cryptocoryne, Schwarzwurzelfarn, Hornkraut und kleinem Fettblatt (Bacoba monnieri) sowie verschiedenen Moosen dicht bepflanzt. In diesem Aquarium lebte bereits ein kleiner Trupp Perlhuhnbärblinge. Die Fischzwerge waren aber immer etwas scheu und zurückgezogen. Die Filterung erfolgte über einen Filterschwamm mit Luftheber im abgetrennten, kleineren Abteil des Keilbeckens. Das Wasser strömt über den Luftheber ins größere Abteil zurück. Der dabei entstehende Sog spült Jungfische durch einen Spalt im Keil des Aquariums und entzieht sie so dem Zugriff hungriger Elterntiere.

Das Aquarium war mit Leipziger Leitungswasser gefüllt, welches bei nahezu neutralem pH-Wert etwa 17° dGH und 2° dKH aufwies. Die Temperatur schwankte normalerweise zwischen 22 und 25° C. Im Sommer ließen sich aber auch Temperaturen um 30° C nicht vermeiden. Die Hochflossenbarben verschwanden erst einmal im Pflanzendickicht und waren während der nächsten Tage kaum zu sehen. Lediglich zur Fütterung mit kleinen, lebenden Daphnien gefrosteten Cyclops und kleinem Forellengranulat konnte ich sie im hinteren Beckenteil beobachten.

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Doch im Laufe der nächsten Wochen ließ die Scheu der Oreichthys nach und die stärkere Präsenz im vorderen Teil des Aquariums übertrug sich auch auf die „Perlhühner“. Zugleich drehten die Barben farblich regelrecht auf. Vor allem nach einem Wasserwechsel erinnerten mich die Männchen stets an Schmetterlinge. Sie suchten sich kleine Reviere, in denen sie mit straff gespannten Flossen vor den auserwählten Weibchen posierten und vermeintliche Nebenbuhler in die Schranken wiesen. Die Tiere waren dann auch nicht mehr weißweinfarbig sondern prangten am ganzen Körper in satten Gelb- und Orangetönen. Die unförmig große Rückenflosse war schwarz-gelb-orange gemasert. Auch die Weibchen wiesen neben einem schimmernden Netzmuster und einen schwarzen Schwanzfleck nun zitronengelbe Rückenflossen mit einem pechschwarzen Fleck in den Flossenspitzen auf. Bei diesen Balzspielen und Kommentkämpfen kam es jedoch nie zu Verletzungen. Eine gezielte Zucht der Barben hatte ich eigentlich nicht geplant. Die Nachfrage nach „Silberfischen“ ist im Baumarktzeitalter des Tierhandels ja zudem sehr überschaubar.

Da mir der lateinische Name der Fische nach dem Kauf entfallen war, startete ich auch eine kleine Internetrecherche. Die Indische Hochflossenbarbe wurde 2009 von Frank SCHÄFER als Oreichthys crenuchoides beschrieben. OTT berichtet im Dezember 2009 auf www.ig-bssw.org ausführlich über diese Erstbeschreibung. Weitere Infos zu den Habitaten und zur Haltung der Fische bieten zudem www.fishbase.org und Wikipedia. Die Artbezeichnung „crenuchoides“ nimmt Bezug auf den Habitus des kleinen südamerikanischen Raubsalmlers Crenuchus spilurus, der ebenfalls im männlichen Geschlecht über stark erhöhte Rückenflossen verfügt. Die Art soll bisher nur im Norden des indischen Bundesstaates Westbengalen in langsam fließendem Gewässer nachgewiesen worden sein. Die großen Augen könnten ein Indiz dafür sein, dass die Sicht dort nur gering ist.

Meine Hochflossenbarben wuchsen auf etwa 3 bis 3,5 cm heran. Viel größer scheinen sie nicht zu werden. Sie blieben zu Artgenossen und Beifischen friedlich und gründelten auch nicht nennenswert. Sie sind also durchaus gesellschafts(becken)fähig. Trotz ihrer Anwesenheit konnte ich mich regelmäßig über kleine Perlhuhnbärblinge in der „Kinderstube“ des Keilaquariums freuen, die ich täglich mit Rädertierchen, Artemianauplien und Mikrowürmchen fütterte.

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Ich hatte nun auch Zeit, mir die Balzspiele der Barben genauer anzuschauen. Entgegen meinen ersten Erwartungen, erfolgte das Ablaichen nicht im Moos sondern an der Blattunterseite von Cryptocoryne. Die Männchen umschlingen dabei die Weibchen nach Parallelschwimmen und drehen sie auf den Rücken. In dieser Position muss es dann zum Austritt der Laichkörner kommen. Ähnlich wird in der Literatur das Ablaichverhalten der Keilfleckbärblinge beschrieben. Leider konnte ich den Laich im zugewucherten Aquarium niemals genau erkennen und zumeist waren auch genug Fressfeinde in der Nähe. Trotzdem konnte ich nach einiger Zeit unter den jungen Perlhuhnbärblingen zwei Fischchen ausmachen, die anders aussahen und vorrangig am Boden ruckartig herum schwammen. Schon ab einer Größe von etwa sieben Millimeter war dann ein kleiner Punkt am Schwanzstiel und in der Rückenflosse zu sehen.

Im Laufe der Wochen nächsten Wochen kamen immer wieder einige neue Hochflossenbarben dazu. Die Jungtiere wachsen nicht gerade schnell aber beständig und sind recht robust und anspruchslos. Auch die Aufzucht gemeinsam mit Blauaugen (Pseudomugil gertrudae) im Keilbecken funktionierte später problemlos.

Inzwischen halte ich eine Gruppe von zehn Tieren in einem dicht bepflanzten 300 Liter Gesellschaftsbecken, das unsere Küche ziert. Einige Jungtiere bevölkern noch ein weiteres Aquarium. Ich würde sie ja gerne zu ihren Artgenossen lassen. Leider sind die Hochflossenbarben ungeachtet ihres ungewöhnlichen Körperumrisses und ihrer gemessenen Schwimmweise äußerst schwer zu fangen. Beim Füttern kennen sie keine Scheu, aber sowie ein Kescher ins Spiel kommt, stieben sie in verschiedene Richtungen auseinander, tauchen in Moosbüschel oder ins Pflanzendickicht, werden unauffindbar. Manchmal bin ich fast versucht zu glauben, sie graben sich ein.

Fazit: Die Indische Hochflossenbarbe ist ein liebenswerter Pflegling. Ihre Haltung ist ohne Probleme möglich, denn sowohl hinsichtlich der Wasserwerte als auch der Fütterung ist sie absolut anspruchslos. Die Zucht sollte auch weniger versierten Aquarianern gelingen.

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