110 Jahre Nymphaea aus Naturschutzsicht

Roland Zitschke                                                     Fotos: Roland Zitschke

Das Wirken Prof. E. A. Roßmäßlers in Leipzig und die Herausgabe seines Klassischen Werkes „Das Süßwasseraquarium“ im Jahr 1857 machten Leipzig zur Hochburg der Aquaristik in Deutschland. Seine Idee, ein Glasbehälter, gefüllt mit Wasser, Mollusken, Krebsen, Fischen und Pflanzen unserer Heimat, fiel auf äußerst fruchtbaren Boden. Die runden Roßmäßlerbecken faszinierten die Menschen für oft unbekannte Unterwasserlebenswelten. Sie wurden eine Zierde in Salons gehobener Klassen. Arbeiterkreise mobilisierte er auch auf diese Weise zur Hälterung von Wassertieren. Eine breite Volksbildung wurde entfacht, und zahllose Kindernasen drückten sich an den Scheiben platt.

Durch seinen Artikel: „Der See im Glas“ im damals führenden Familienblatt 1856 „Die Gartenlaube“ und viele seiner darauffolgenden naturgeschichtlichen Veröffentlichungen zu verschiedenen Sachgebieten entstand in breiten Kreisen ein brennendes Interesse an unserer Heimatnatur. Viele Menschen widmeten sich daraufhin diesem schönen Hobby. Vereine gründeten sich, Wissenschaftsbereiche entstanden an Universitäten. Unzählige Artikel, Diplom- und Doktorarbeiten über Wasserwelten setzen sich bis heute mit diesem Thema auseinander.

War doch die Beschaffung der von ihm empfohlenen heimischen wassergebundenen Fauna und Flora gerade in der gewässerreichen Leipziger Aue äußerst leicht. Roßmäßler sagte: „Die Nähe des gepflegten Auwaldes schützt die große Stadt der Tiefebene vor dem Hereinbrechen der Langweiligkeit, welche dem vordringenden Feldbau auf dem Fuße folgt. Und in solch glücklicher Lage befindet sich Leipzig, welches aus dem westlichen Tor (Rosentaltor) in einen der schönsten Auwälder Deutschlands tritt.“

Mit Fug und Recht wird Prof. E. A. Roßmäßler als Vater der Aquaristik und in

 

jüngster Zeit als erster Naturschützer eingestuft. Er verstarb am 08.04.1867. Nicht von ungefähr fällt die Gründung der Fachgruppe „Nymphaea“ 1892 immer noch auf Roßmäßlers intensiv nachwirkendes Arbeitsfeld. Die Kaltwasseraquaristik wurde kaum von Importfischen der Tropen verdrängt. Beschaffung von Tier- und Pflanzenmaterial sowie Futtertierfang führte die Mitglieder in die Leipziger Aue und an Teiche. Dabei entstehende Beifänge weiteten den Horizont über die Artenbestände der Leipziger Auengewässer und Dorfteiche des Leipziger Landes. Zwangsweise wurde man dabei zum Freizeitfischer.

Lange Jahrzehnte pflegte die Fachgruppe verstärkt mit Exkursionen diesen Wissensspeicher. Gerade das war es, was mich neben der Tropenfischhälterung stark interessierte, und so trat ich 1957 in die Fachgruppe „Aqua West“ ein. Damals, noch in Zills Tunnel, wurden auch Vorträge zu Themen der heimischen Fauna und Flora von hervorragenden Referenten und Mitgliedern der Fachgruppe gehalten.

Das 25-jährige Jubiläum der Fachgruppe „Aqua West“ nahte. Ich war als Vorstandsmitglied in die zwei Jahre dauernden Vorbereitungen voll einbezogen und verantwortlich für das verzugsfreie Aufstellen aller Becken, zur Stabilisierung und Restauration eines stilechten Tisches für die Kopie eines großen runden Roßmäßlerbeckens sowie zur Mitbeschaffung des heimischen Tierpotenzials. Vorwiegend stammte es aus den Papitzer Lehmlachen und wurde dorthin wieder zurückgeführt. Gemeinsam mit dem Grassi-Museum präsentierten wir die Fischfauna von 4 Erdteilen und zeigten die Naturschutzprobleme um das Leipziger Land. Es war das letzte Mal, dass den Leipzigern so umfassend die wassergebundene Heimatnatur vorgeführt werden konnte, denn die wertvolle Artensubstanz der Auen und Dorfteichgewässer

 

 

 

Naturschutz 1klein

Naturschutz 2klein

Naturschutz 3klein

Naturschutz 4klein

 

 

Bilder aus den Papitzer Lehmlachen:

Bereich Nr. 14, Rotbauchunkenstandort

der gleiche Bereich 1992

Bereich Nr. 6, 1985

Bereich Nr. 4, 1993, Laubfrosch-Laichgewässer

____________________________________________

wurde durch den DDR-Wirtschaftsprozeß unaufhörlich zerstört. Da ich dem Leipziger Naturschutzhelferkreis angehörte, der dem Rat des Bezirkes unterstellt war, hatte ich das Ohr an der Wand und mir war bewusst, dass der  Zerstörungsprozess weitergeht. So konnte ich die Fachgruppe von der geplanten Verkippung und Einplanierung der Papitzer Lehmlachen unterrichten. Es sollte dort eine 200 ha große Landwirtschaftsfläche entstehen. Die von Roßmäßler erwähnte Langweiligkeit durch vordringenden Feldbau würde auf den Fuß folgen.

Eine Sondersitzung des Vorstandes wurde nötig.

  • Wir verständigten sofort die Universität  Leipzig, Sektion Biowissenschaften, weil dann das letzte komplexe Lehmlachengebiet der Leipziger Aue verloren ginge und kein studentisches Freilandlaboratorium mehr vorhanden wäre. Die Eingabe der Universität Leipzig an den Rat des Bezirkes unterschrieben unser Mitglied Prof. Dr. Günter Sterba und Prof. Dr. G. Müller.
  • Die Fachgruppe verfügte über eine herpetologische und ichthyofaunistische Datenbank mit der der einmalige Wert des Gebietes für Nord-West-Sachsen belegt werden konnte. Die Eingabe der Fachgruppe, das Gebiet als NSG zu schützen, hatte besonderes Gewicht mit der Dachorganisation Kulturbund im Rücken.
  • Es erfolgte eine Eingabe des Ornithologen W. Grothe, der mit zahlreichen Beringungswiederfunden den Wert des Gebietes belegen konnte.
  • Es erfolgte von mir eine Eingabe als Naturschutzhelfer des Rat des Bezirkes, die die Wertigkeit des Gebietes, gemessen am Verfallprozess der Leipziger Aue, von Zwenkau bis Schkeuditz benannte.

 

 

 

Die Eingaben hatten Erfolg und 1975 erfolgte die einstweilige Sicherung der Papitzer Lehmlachen mit 39 ha. Am 20.09.1984 erfolgte dann die Schutzanordnung durch den Bezirkstag Leipzig.

In einem vertraulichen Gespräch mit unserem damaligen Fachgruppenmitglied Herrn Oberforstmeister Klaus Handtke, erfuhr ich, dass wir mit ihm einen starken Partner im Hintergrund hatten. Er konnte sich in seinem Ressort „Abteilung Naturschutz beim Rat des Bezirkes“ fachlich gut fundiert durchsetzen. Ihm ist es auch mit zu verdanken, dass sofort nach der Wende, innerhalb des Geltungsbereiches der Naturschutzgesetze beider Staaten, der Naturschutzbundantrag zur Vereinigung der Naturschutzgebiete Papitzer Lehmlachen, Verschlossenes Holz und Flächennaturdenkmal Großes Gehege zum 420 ha großen NSG Luppeaue durchgesetzt wurde. Leider verstarb Herr Handke viel zu früh. Er war ein ausgezeichneter Kenner der Nord-West-Sächsischen Herpetofauna und zählt neben Herrn Max Füge zu den erstnachweisenden Fachleuten des Springfrosches im Raum Grimma-Wurzen um 1960.

Nähere Ausführungen zum NSG Papitzer Lehmlachen: sind in der Denkschrift „25 Jahre Papitzer Lehmlachen“ des Naturschutzbundes zu finden.

Nicht unerwähnt sollte die Umsetzungsaktion zur Rettung der Eiszeitkrebse von Biotopen aus der Lauer nach Lützschena bleiben, die die Fachgruppe gemeinsam mit Naturschutzhelfern des Rates des Bezirkes durchführte. Unsere damaligen Mitglieder A. Böttger, M. Füge, Dr. Große, S. Kreuziger, S. Höfer, Klaus Breitfeld und ich kannten viele Vorkommen des Kiemenfußkrebses (Siphonophanes grubei) im Auwald Leipzigs, aber es gab nur einen begrenzten Fundort im Kelchsteinlinie-Paußnitzraum mit dem echten Kiemenfuß (Lepidurus apus), der ab 1930 von Herrn Füge stabil nachgewiesen wurde.

Dieses Gebiet sollte dem Tagebau Cospuden geopfert werden. Wir versuchten, mit den uns damalig bekannten Artenansprüchen die Art für Leipzigs Aue zu erhalten.

 

60 Großkörbe mit Laubhumus aus den Biotopzentren, in dem die Dauereier lagerten, kamen südlich Lützschenas in ähnliche Biotope. Erfolge zeigte Siphonophanes grubei.

Trotz intensiver Kontrollen kam bis heute kein Lepidurus apus im neuen Gewässer zum Nachweis.

Die Kelchsteinlinienbiotope wurden infolge des Expo-Projektes Cospudener See mit der Straßenzufahrt überbaut. Die Proteste des NABU drangen bis in die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Leipzig vor. Hier behauptete ein Abgeordneter in öffentlicher Sitzung: Er wäre ein alter Leipziger und er hätte von dem Tier nie etwas gehört, die Grünen würden ein Horrorszenario und Loch Ness entfachen, um das Projekt zu kippen. Das Tier gibt es nicht.

2001 fand dann ein Mitarbeiter des Amtes für Umweltschutz im Paußnitzverlauf innerhalb des Elsterhochflutbettes Lepidurus apus - leider 1 Jahr zu spät, denn die Biotope waren unwiederbringlich vernichtet.

Der junge Mann war ein ehemaliger Schüler meiner Arbeitsgruppe aus den Papitzer Lachen und ist begeisterter Kaltwasseraquarianer.

Ich selbst schied 1989/90 aus der Vereinstätigkeit der damaligen Fachgruppe „Aqua West“ aus. Der Grund lag in der bevorstehenden Aufbauarbeit des NABU Kreisverbandes, die mir keine weitere Zeit gelassen hat. Die Hobbyuniversität war für mich die Aquarienfachgruppe „Leipzig West“. Viel Gelerntes kommt jetzt dem NABU-Kreisverband in der Verteidigung unserer Restaue gegen Verbauung und Übernutzung zu Gute. Aber uns fehlt Nachwuchs, der Theorie und Praxis gegenüber Ämtern wirkungsvoll vertritt.

Zwei große 1 m breite Aquarien und 3 Gartenteiche machen mich aber immer wieder zum Aquarianer. Ich kann es nicht lassen.

Zurück zur Inhaltsangabe

Zum nächsten Artikel