Buntbarsche aus Nigeria

Text: Michael Haubner und Dr. Rainer Hoyer

Der ölreiche Staat Nigeria an der Westküste Afrikas gehört nicht zu klassischen Reisegebieten. Selbst engagierte Aquarianer werden sich kaum in dieses Land verirren. Der Grund besteht in der außerordentlich hohen Kriminalität und dem verstärkt in den letzten Jahren ansteigenden Terrorismus. So war es ein berufliches Engagement, das den Autor zwischen 2009 und 2011 mehrfach dorthin geführt hatte.

War es in der Anfangszeit  des Aufenthaltes von 2009 bis 2010 noch relativ gut möglich, sich im Land frei zu bewegen und hiesige Märkte und Restaurants zu besuchen, wurden diese Möglichkeiten mit dem immer aggressiveren Auftreten von Boko Haram drastisch eingeschränkt. Die Gewässer in der Hauptstadt Abuja selbst waren sehr stark mit Abfällen jeder Art und Öl verschmutzt. Hier erfolgreich auf Fischfang zu gehen schien fast aussichtslos. Trotzdem konnten in einigen zu Abwasserkloaken verkommenen Bachläufen Barbus sp. gefangen werden. Man staunt was Fische alles aushalten können oder müssen.


n01Im Umland von Abuja selbst kam der Usmandam als einzig interessantes Ziel in Frage. Der Stausee liegt  20 Kilometer nordöstlich von Abuja. Er hat ein Fassungsvermögen von ca. 120 Millionen Kubikmeter und dient der Hauptstadt als Trinkwasserreservoire. In den Jahren 2009 und 2010 war es noch möglich ohne Fahrer an den Wochenenden zum Fischen zu fahren. Ausgerüstet mit Obst und Gemüse sowie den notwendigen Getränken und was man sonst noch alles zum Grillen braucht, ging es an den Sonntagen zum Stausee. Natürlich war neben den Fanggeräten zum Zierfischfang auch die Angelausrüstung mit dabei. Man hoffte immer auf den großen Fisch. Das sollte auch einige Male gelingen. Neben den allgegenwärtigen Tilapien von bis zu 25 Zentimeter Länge gingen auch zwei Raubwelse aus der Familie Clariidae an den Haken. Diese hatten stattliche 60 Zentimeter Länge und schmeckten gegrillt mit Chilisauce wirklich hervorragend.

Folgende Wasserwerte wurden ermittelt:

November 2009, Trockenzeit

Nitrat (NO3)
Nitrit (NO2)
Gesamthärte (GH)
Karbonathärte (KH)
pH Wert6,4
Temperatur in 1m Tiefe

310mg/l
0,2  mg/l
6,0° dH
3,0° dH
6,4
28° C


Das Wasser war leicht trüb und hatte eine Sichttiefe von etwa zwei Meter.
Geographische Lage des Sees 9° 0‘ 0“ Nord  /  7° 30‘ 0“ Ost 

Unterstützt wurde der Autor dabei von einem jungen Mann,  der sich selbst Guide Young nannte. Zu Young hat der Autor heute noch über Facebook Kontakt. Der Grund, Young auszuwählen, war sein Boot, welches von allen den sichersten Ein-druck machte. Unser erster kleiner Beitrag über Hemichromis letourneuxi (Haubner&Hoyer, 2010) in gedruckter Form löste Wochen später wahre Begeisterung bei ihm aus. Ich hatte vorsorglich ein Heft mitgenommen. Auch wenn es in Deutsch geschrieben war, sorgte das Bild, das ihn mit dem Autor im Kanu zeigte, im Dorf sicherlich für viel Aufsehen. In den Jahren 2010 bis September 2011 ging es nun fast wöchentlich zum Usmandam. Mit einer gewissen Vorbereitung haben wir einmal den kompletten See umrundet. Das geht nur mit mindesten drei Helfern einschließlich Macheten und Schaufeln, da die meisten Wege nur zum Viehtransport und mit Mopeds genutzt werde. Die Umrundung sollte sich immerhin zu einer Tagesreise auswachsen. Bei solchen Ausflügen muss man also immer etwas zu Essen, aber noch wichtiger viel Trinkwasser mitnehmen. Auch ein paar Geschenke für die Anwohner sollte man nicht vergessen.

Der Fang der für uns Aquarianer interessanten Fischen erfolgte meist mit Reusen, die an unterschiedlichen Stellen und Tiefen ausgelegt wurden. Als Köder diente die ganze Bandbreite an Lebensmitteln und Fischresten. Im ufernahen Bereich gingen fast ausschließlich Buntbarsche der Gattung Hemichromis ins Netz, wobei Reusen etwas entfernt vom Ufer und tiefer ausgelegt meist Tilapien enthielten.  Besondere Freude löste der Fang von zwei Auchenoglanis occidentalis aus. Mit einer Größe von nur acht Zentimetern waren diese noch in einer transportfähigen Größe und sind mittlerweile zu stattlichen Tieren von 25 Zentimeter Länge herangewachsen. Die Endgröße sollte bei ungefähr  40 Zentimetern Länge liegen.

Mitgenommene Tiere der im Deutschen gemeinhin als Rote Buntbarsche bezeichneten Fische konnten erfolgreich in vorbereiteten Aquarien in der Unterkunft eingewöhnt und später nach Deutschland gebracht werden. Dank der freundlichen, jedoch nicht ganz uneigennützigen Unterstützung von Mister Adebajo war die Ausfuhr der Fische niemals ein Problem.

Der erste größere Ausflug führte 2010 in den Yankari Nationalpark. Die Zufahrt erfolgt nur unter Begleitung angemieteter Ranger. Darauf sollte man auch nicht verzichten. In den wenigen Gewässern, die mit Flusspferden und Krokodilen bevölkert waren, ließen die Ranger aber aus Sicherheitsgründen keinerlei Versuche Fische zu fangen zu.

Der Co-Autor erhielt von den ersten Tieren acht Exemplare. Da die Fische noch recht klein waren, konnte eine geschlechtliche Differenzierung nicht vorgenommen werden. Später zeigte es sich, dass es sich um sieben Männchen und lediglich ein Weibchen handelte. Diese Weibchen wurde dann mit einem der Männchen zurückbehalten und die restlichen Tiere dem Zoo Leipzig übergeben. Die anfängliche Eintracht dieses Paares wurde durch eine kurze Rauferei unterbrochen, in deren Folge das Weibchen eine leichte Blessur erlitt. Offensichtlich hatte sich aber eine Infektion eingestellt, so dass sich ein Geschwür entwickelte, an der das Weibchen verstarb.

I
nzwischen hatte A. LAMBOJ an Hand von Fotos die Tiere als Hemichromis letourneuxi bestimmt.

Von mitgebrachten Tieren einer zweiten Reise des Autors nach Nigeria erhielt der Co-Autor erneut ein Paar. Sie erhielten ein Aquarium von 110 Liter Inhalt, das sie mit Barben aus Nigeria sowie dem Indischen Streifenwels Mystus vittatus teilten. Während die Vergesellschaftung mit den Barben ohne Probleme verlief, mussten die ortstreuen Welse erheblich unter den Attacken der Barsche leiden und wurden entfernt. Bei einer Ernährung mit Lebend- und Trockenfutter wuchsen die Tiere zu prächtigen Exemplaren heran.

n02 n03


Die Eintracht im Becken war nach einiger Zeit gestört. Den Barben stand nur noch ein kleiner Teil zur Verfügung, der andere, größere, wurde von den H. letourneuxi beansprucht. Der Grund wurde bald offensichtlich, denn sie hatten gelaicht und führten einen beachtlichen Schwarm Jungfische durch das Aquarium. Die Führungsarbeit bei der Betreuung der Jungfische wurde vor allem vom Weibchen geleistet, aber auch das Männchen beteiligte sich. Da beabsichtigt war, einige Junge aufzuziehen, wurde deshalb unter heftigen Attacken der Elterntiere einen Teil abgesaugt. Es zeigte sich, dass in einem Aquarium mit diesem Besatz keine Jungfische aufwachsen können. Alle Aufopferung der Eltern konnte nicht verhindern, dass die Barben ein Zubrot erhielten. Während eine der Barben ihr Glück versuchte und von den Eltern vertrieben und verfolgt wurde, konnten sich die anderen ungehindert an den Jungen vergreifen. Nach wenigen Tagen waren dann keine mehr übrig und es kehrte wieder Ruhe in das Aquarium ein.

Die abgesaugten, noch winzigen Fischchen, wurden mit Tümpelplankton angefüttert und wuchsen sehr zügig. Die weitere Aufzucht erfolgte danach mit Lebendfutter der entsprechenden Größe und später zusätzlich mit Frost- und Trockenfutter. Auch das weitere Wachstum war recht rasch, wobei die Tiere in der Größe auseinander wuchsen. Nach fünf Monaten hatten die größten Fische eine Länge von zehn Zentimetern, während die kleineren die Hälfte erreicht hatten.

In der Folgezeit haben die Tiere wiederholt – vor allem nach einem Wasserwechsel – gelaicht. Auf eine Aufzucht der Jungfische wurde verzichtet und wie beim ersten Mal waren sie nach recht kurzer Zeit verschwunden. Außerhalb der Laichzeit sind die H. letourneuxi weitestgehend friedfertig. Selbst während der Fütterung wurden die Barben kaum behelligt. Allerdings waren sie auch nach längerer Zeit  recht scheu und kaum einmal zu sehen. Haltung und Zucht sind unter Beachtung einiger Grundsätze ohne Probleme möglich. Insbesondere sollte in Becken der geschilderten Größe auf reviertreue Fische verzichtet werden. In sehr großen Becken mag das durchaus anders sein.

Bei einem späteren erneuten Aufenthalt in Nigeria hatte der Autor die Gelegenheit, den Kainji National Park im Westen des Landes mit seinem gleichnamigen Stausee aufzusuchen. Die Reise musste sorgsam geplant werden, denn der Park lag immerhin ungefähr 500 Kilometer entfern, was einer Tagesreise entspricht. Neben Wasser, Lebensmitteln und Geschenken für die Einheimischen wurde auch ein bewaffneter Polizist angeheuert, was sich bei den zahlreichen offiziellen und inoffiziellen Straßenkontrollen als nützlich erwies. Ein kurzer Blick ins Fahrzeug und bei Anwesenheit der Staatsmacht konnte man ungehindert weiterfahren.

In einem Fluss im Nationalpark konnte erstmals auf Fischfang gegangen werden. Unter den wachsamen Augen des Rangers gingen wieder einige kleine Hemichromis ins Netz sowie die überall anzutreffenden  Barbus cf. sublineatus. Was mit so kleinen Fischen anzufangen war, konnten die einheimischen Begleiter nicht nachvollziehen, denn zum Essen waren sie doch nicht zu gebrauchen.

n04 n05

Das Gewässer war ein sehr langsam fließender Flusslauf, der jedoch tief genug war, um als Lebensraum für Flusspferde zu dienen. Es handelte sich um einen westlichen Zufluss des Niger ungefähr zehn Kilometer hinter dem Abfluss über das Kraftwerk der Staumauer aus dem Kainji-Stausse.

Wasserwerte:

Nitrat (NO3)
Nitrit (NO2)
Gesamthärte (GH)
Karbonathärte (KH)
pH Wert6,4
Temperatur in 1m Tiefe

6mg/l
0,1  mg/l
< 3,0° dH
< 3,0° dH
6,0
29° C


Das Wasser war durch Schwebealgen stark grün getrübt und Sichttiefe betrug im Randbereich nur wenige Zentimeter.

Geographische Lage: Nord 9° 54' 46,42"  Nord / Ost 3° 57' 19,18"
ungefähr 45 Kilometer westlich der Stadt Wawa

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Die mitgebrachten, noch kleinen Hemichromis erreichten unbeschadet Deutschland und wurden gemeinsam mit einigen Tilapien vom Co-Autor übernommen. In einem 85 Liter fassenden Becken waren sie sofort verschwunden und ließen sich auch später nur gelegentlich sehen. Auch sie wuchsen zügig heran und entwickelten sich zu wahren Juwelen. Im Englischen werden sie zutreffender Weise als African jewelfish – Afrikanischer Juwelenfisch – bezeichnet. Ein Paar wurde zurückbehalten und der Rest erneut dem Zoo Leipzig zur Verfügung gestellt.

Die Bilder ermöglichten A. LAMBOJ die Bestimmung als Hemichromis guttatus.

Wie bereits bei H. letourneuxi änderte sich das anfangs friedfertige Verhalten mit Beginn der Vorbereitung für den Laichakt. Das Paar wurde deshalb in ein 60 Liter fassendes Aquarium ohne weiteren Fischbesatz umgesetzt. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein beachtliches Gelege in Ermangelung einer exponierten Unterlage, wie eines größeren Steins, auf der Bodenscheibe abgelegt. Schlupf und Aufzucht der Jungfische unterschied sich in keiner Weise von der der H. letourneuxi. Das Gelege wurde abwechselnd von beiden Partnern intensiv betreut, wobei selbst der Pfleger bei Annäherung an das Becken angedroht wurde. Beide Elternteile waren auch an der Aufzucht beteiligt.

H. guttatus ist ein wunderschöner Vertreter der Roten Cichliden. Paarweise allein gehalten benötigt er keine sehr großen Aquarien. Ein eingespieltes Paar ist untereinander ausgesprochen friedfertig. Die Brutpflege und Jungenaufzucht läuft harmonisch ab.

n08 n09

In vielen Fällen bestehen die Fänge der Einheimischen aus Tilapien verschiedener Arten. Wie oben bemerkt, sind sie Vertreter des Freiwassers und werden vor allem mit Stell- oder Schleppnetzen gefangen. Auch auf den Märkten werden sie häufig angeboten.

Von den mitgebrachten Tieren entwickelte sich eines zu einem prächtigen Tier, das sich als ein Männchen von Tilapia zillii herausstellte. Allerdings brachte er mit dem Heranwachsen erhebliche Unruhe in das Becken, so dass er in ein etwas kleineres Aquarium mit Garra ornata, auch aus Nigeria, umgesetzt wurde. Die Garra waren ausgewachsene Tiere, wurden aber nach einigen Wochen innerhalb weniger unbeobachteter Stunden von T. zillii umgebracht. In der Folge wurde er dem Leipziger Zoo übergeben und schwamm lange Zeit im „Gondwana-Land“. Immerhin erreichen diese Art eine Standardlänge von 40 Zentimetern (www.fishbase.de) und hat damit Speisefischgröße. Es war die einzige T. zillii unter den mitgebrachten Fängen.

Bei einer zweiten Art handelte es sich um Oreochromis niloticus, die nach Fishbase auch für das Nigergebiet angegeben sind. Diese Tiere erwiesen sich als sehr viel friedfertiger als T. zillii, wuchsen allerdings noch viel schneller. Gefressen wurde alles, was in das Becken gegeben wurde – einschließlich der Bepflanzung. Sie ließen einzig Anubias barteri „coffeefolia“ in Frieden. Alles andere, von Echinodorus schlueteri bis Nymphaea lotos wurde bis auf den Stiel aufgefressen. Die Bestände haben sich erst nach Monaten erholt. Als das Elend für den Pfleger nicht mehr erträglich wurde, wanderten sie in den Leipziger Zoo. Auch O. niloticus ist in seiner Heimat ein beliebter Speisefisch und kann bis zu 60 Zentimeter lang werden.

n10 n11

Es soll noch eine Ergänzung zu H. letourneuxi angefügt werden. Wahrscheinlich durch ausgesetzte Tiere gibt es inzwischen stabile Populationen in Griechenland und im Süden der Vereinigten Staaten  (Florida) (http://www.fishwise.co.za/).

n12Das ist für die einheimische Fischfauna nicht immer zum Vorteil. Gerade H. letourneuxi ist eine durchsetzungsfähige Art. Um die Verbreitungsdynamik besser verstehen zu können, sind wissenschaftliche Untersuchungen zur Salztoleranz der Art (LANGSTONE u. a. 2010) durchgeführt worden. Das dient dazu, abschätzen zu können, wie sich diese Fische in Zukunft noch ausbreiten könnten. Die Autoren fanden eine weitgehende Salztoleranz, wenn die Salinität langsam gesteigert wurde. Die Mortalität war dann höher, wenn die Tiere abrupt einem Meerwasser mit einem Salzgehalt von 20 ppt ausgesetzt wurden. Oberhalb von 25 ppt überlebten unter diesen Bedingungen keine Tiere. Die Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass eine Ausbreitung auch über küstennahe Bereiche in andere Flusssysteme durchaus möglich ist. In den klimatisch begünstigten Gebieten im Süden der USA ist deshalb eine Ausbreitung in andere, bisher nicht besiedelte Gebiete durchaus möglich und kann zur Folge haben, dass einheimische Fische dem Konkurrenzdruck nicht gewachsen sind und auszusterben drohen.

Derartige Befürchtungen einer Bedrohung der einheimischen Fische sind nicht weit hergeholt. Wir kennen das aus Deutschland inzwischen sehr genau. Denken wir dabei zum Beispiel an die zur Fischerei ausgesetzten Sonnenbarsche oder ganz aktuell an die Massenentwicklung des Blaubandbärblings Pseudorasbora parva.


Literatur:

Haubner, M, R. Hoyer (2011): Die Roten aus Nigeria – Hemichromis letourneuxi; DCG-Informationen 42 (3); 65-72
Longston, J. N., P. J. Schofield, J. E. Hill (2010): Salinity Tolerance of the African Jewelfish Hemichromis letourneuxi, a Non-native Cichlid in South Florida (USA); Copeia (3):475-480

Inhaltsangabe

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