Artgerechte Zierfischhaltung?

Wolfgang Keller                                                     Fotos: Dr. Rainer Hoyer

Es ist wieder einmal Dienstag abend und somit Vereinstreff.

Thema: Diskussionsabend.

Die Diskussion läuft wie so oft recht träge vor sich hin, da sich die anwesenden Vereinsmitglieder jahrelang kennen und fast alle doch sehr erfahrene Zierfischpfleger und Zierfischzüchter sind. Was soll man sich gegenseitig noch an Neuem und Interessantem erzählen?

Plötzlich öffnet sich die Tür und ein Neuer schaut herein. Nachdem er sich vergewissert hat, dass er auch wirklich bei den Fischlfreunden gelandet ist, wird er natürlich sofort nach seinen Interessen und vor allem Problemen, die ihn zu uns geführt haben, befragt.

Er hat Algen!!!

Sofort sind die eben noch recht verschlafenen Vereinsmitglieder hellwach und der Neue wird mit gutgemeinten Ratschlägen, die sich oft genug widersprechen, regelrecht zugeschüttet.

Dem Neuen brummt wahrscheinlich schon der Schädel und wenn wir Glück haben, kommt er wieder - zu denen, die auch bloß keine Ahnung haben. Die wissen ja nicht einmal, wie man Algen los wird.

Aber so ist das eben, ein Aquarium ist nun mal keine Maschine, wo man vorn etwas hineinschüttet und hinten kommt etwas genau definiertes heraus. Ein Aquarium ist und bleibt ein lebendes und damit unendlich vielfältiges System!

Was das alles mit dem Thema zu tun hat?

War es in der Vergangenheit vor allem das Reizwort „Algen“, was eine noch so verschlafene Diskussion sofort zum Leben erweckte, so gibt es neuerdings ein weiteres:

 

Die artgerechte Zierfischhaltung!

Dieses Schlagwort darf in keinem Beitrag fehlen, will man auf der Höhe der Zeit –oder in Neudeutsch „up to date“ sein!

Was man genau darunter zu verstehen hat, weiß zumindest eine Aquarianervereinigung Deutschlands ganz genau, und ich glaube, sie hat sogleich den Begriff für sich gepachtet, wie sonst konnte sie einen dafür vorgesehenen Sachkundenachweis erschaffen?

Böse Zungen behaupten, es gehe dabei gar nicht vordergründig um eine Verbesserung der Zierfischhaltung - die immer wünschenswert ist! - , sondern um Aufbesserung des Budgets. Immerhin ist der Titel „Sachkundiger Zierfischhalter“ nur gegen Zahlung eines nicht unbeachtlichen Obolus zu bekommen! Zuerkennung auf Grund langjähriger Erfahrung ist wohl nicht vorgesehen?

Nun zum Begriff selbst.

Ich bin kein Wissenschaftler, der sich anmaßt über diesen Begriff zu richten, aber da viele Artikel, die diesen Begriff verwenden,  „auch nur von Nichtwissenschaftlern“ für Hobbyaquarianer geschrieben werden, möchte ich meine Meinung dazu äußern.

Im ersten Anschein ist alles klar:

artgerecht = wie es eine Art braucht.

Aber welche Bedingungen braucht eine Art um ...???  - Ja, was eigentlich?

- sich wohl zu fühlen?

- sich natürlich zu verhalten?

- alt zu werden?

- sich zu vermehren?

 

 

 

Der letzte Anstrich wird sicher eine Rolle spielen, wenn auch die Fortpflanzung die natürlichste Sache der Welt – und damit auch der Fische ist.

Wo kann man artgerechte Bedingungen finden, wenn nicht in ihrer natürlichen Umgebung.

Also machen wir uns auf den Weg in die Heimat unserer Pfleglinge!

Begeben wir uns nach Afrika, Südamerika und Asien.

Als erstes fällt auf, das sich fast alle Arten in Biotopen aufhalten, deren Nachahmung ich nicht nur nicht empfehlen, sondern vor deren Nachahmung ich sogar warnen möchte.

Die schönsten und kräftigsten Saroterodon melanoteron befanden sich in Abwassergräben eines Großstadtviertels in Luanda.

Allein der Geruch des Wassers (von den sichtbaren Inhaltsstoffen ganz zu schweigen) hat mich angehalten, diese Art „artfremd“ zu hältern.

Auch die anderenorts angetroffen pflanzenfreien Flüsse oder total verkrauteten Tümpel konnten mich nicht überzeugen, mein Aquarium nach diesen natürlichen Vorbildern einzurichten.

Von den oft mit Schwebestoffen stark beladenen Weißwasserflüssen mit einer Sichtweite von wenigen cm ganz zu schweigen. Wenn ich die Fundorte unserer Arten als Vorbild nehmen würde, müsste ich z. B. Brochis in einem Aquarium mit feinstem Lehmboden und Magnetrührer setzen, um ein absolut undurchsichtiges Wasser zu erzeugen. So vorgefunden im Pantanal. (natürlich nicht dem Magnetrührer!)

Bei den Betrachtungen über die natürlichen Bedingungen der Fische wird oft vergessen, dass das Vorkommen einer Art das Ergebnis eines Überlebenskampfes ist. Brochis splendens lebte im diesem Wasser, weil er

 

unter „besseren“ Bedingungen anderen Arten unterlegen ist und nicht weil er „Dreckwasser“ braucht.

Ein weiteres Beispiel dafür war der Fund von Trichogaster pectoralis in einem wahrscheinlich fast sauerstofffreien, an der Oberfläche total mit Schwimmpflanzen in mehreren Lagen übereinander zugewucherten Tümpel in Thailand. Auch hier braucht man für eine erfolgreiche Pflege im Aquarium keine sauerstoffreduzierenden Chemikalien einzusetzen.

Wenig beachtet wird auch oft das riesige Verbreitungsgebiet einer Art. So wird für den allseits bekannten Guppy härteres Wasser empfohlen. Für Tiere aus Mittelamerika trifft das vielleicht auch zu. Aber was ist mit den Tieren, die wir in Weichwässern in Brasilien gefunden haben?

In Thailand und Malaysia besiedeln Glasbarsche einer Art sowohl Gewässer mit fast nicht messbarer Leitfähigkeit als auch Biotope mit Brackwasser.

Besonders fragwürdig wird die Angelegenheit, wenn Angaben auf ganze Gruppen z. B. Saugwelse ausgeweitet werden – Saugmaul = festhalten in strömungsreichen Gewässern. Für einige Arten ist das sicherlich richtig, nicht aber unbedingt für die so beliebten Ancistrus.

Dass die Übertragung der natürlichen Bedingungen auf die Haltung im Aquarium an enge Grenzen stößt, zeigt allein schon die Tatsache, dass sicher niemand Neons mit Blattfischen oder Buntbarsche und kleine Salmler mit dem Raubsalmler Hoplias malabaricus zusammen pflegen wird, obwohl in fast allen Gewässern, in denen wir Zwergbuntbarsche und typische Aquariensalmler fanden auch Hoplias angetroffen wurde.

Nach vielen Argumenten gegen den Begriff „artgerechte Zierfischhaltung“ als Modebegriff , möchte ich eine Lanze für die artgerechte Zierfischhaltung brechen!

 

 

 

Wie das geht?

Pflegen wir unsere Fische weitgehend so, wie es ihrer Natur entspricht!

Das herauszufinden ist am besten durch Reisen in die Heimat der Pfleglinge oder durch Lesen der Reiseberichte engagierter Aquarianer möglich, ohne die Ergebnisse zu verabsolutieren.

Ich hoffe, keiner würde einen Räuber wie z. B. Polycentrus in ein kahles Becken mit einer Superströmung bzw. einen Corydoras auf schafkantigen Bodengrund setzen.

Auch für andere Werte wie z. B. den pH-Wert lassen sich allgemeinverträgliche Angaben machen (Ausnahmen bestätigen auch hier einmal mehr die allseits bekannte Regel).

Wenn sich die Fische dann zu unsere Freude, obwohl sie uns bestimmt damit keine machen wollen, fortpflanzen und die Nachkommen auch noch gesund aufwachsen, dann kann man mit sich und seinen Pfleglingen zufrieden sein, auch wenn einem die Urkunde für die Sachkunde für die artgerechte Haltung fehlt und wenn man auch nicht weiß, wie viel Watt ein Heizer für ein 200-Liter-Aquarium haben muss! 

Noch ein Wort zum Schluss!

Das Wichtigste ist und bleibt die Erfahrung im Umgang mit den Fischen, die Erfahrung, die man beim Tümpeln erwirbt, die Erfahrung, die beim täglichen Beobachten der Pfleglinge stetig wächst.

All das kann kein nicht durch ein Studium eines Trainingsmaterials ersetzt werden!

Wer die Pflege seiner Tiere ernsthaft (was für ein Wort; es soll doch Spaß machen!) betreibt -und das machen Züchter sicherlich- findet genügend gute Quellen um sich ständig weiterzubilden.

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Bilder rechts:

Fundort von Brochis splendens

Salvinia natans

S. natans wird manuell entfernt

Brackwasser, Fundort von Galsbarschen

 

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