Aplocheilus panchax (Hamilton, 1822) – ein Phänomen

Text und Fotos: Dr. Rainer Hoyer

Aplocheilus panchax – im Deutschen auch Gemeiner Hechtling genannt – hat ein riesiges Verbreitungsgebiet und kommt mit extremen und höchst gegensätzlichen Umweltbedingungen zurecht. Seine Heimat sind Indien sowie das tropische Südostasien und wird hier in Gewässern mit einem stark saurem pH-Wert und eine nicht messbaren Wasserhärte bis hin zu Brackwasser mit einem Salzgehalt nahe dem des Meerwassers angetroffen.

Diese beiden gegensätzlichen Fundorte sollen im Folgenden vorgestellt werden.

Zum einen handelt es sich um einen Entwässerungsgraben entlang einer Pipeline für Erdgas von Kuantan nach Norden entlang der Ostküste von Malaysia. Dieser Graben entwässert ein ausgedehntes Sumpfgebiet nahe des Ferienortes Cherating. Folgende Wasserwerte konnte ich dort messen:
 

Koordinaten:              N  04° 07´ 27,354´´
                                     O  103° 22´ 13,944´´

                                                            25.05.2007                           04.03.2009
                                                            9.00 Uhr                               10.45 Uhr

pH
Gesamthärte (GH)
Karbonathärte (KH)
Leitfähigkeit µS/cm
Temperatur (Wasser) ° C
Temperatur (Luft) ° C

4,4
n.n.
n.n.
40
28,6
32,7

3,7
n.n.
n.n.
30
27,2
31,1

Der Graben hatte eine Breite von einem bis zu zehn Metern und war im Wesentlichen frei von Unterwasserpflanzen (Abb. 1). Lediglich in das Wasser wachsende Gräser und vor allem Farne boten den Fischen Deckung. Diese Farne waren es auch, welche nach dem Absterben dem Wasser seine typische dunkel teebraune Färbung gaben und – ähnlich wie das Sphagnum unserer heimischen Moore - stark ansäuerten. Der Untergrund bestand in dieser Gegend aus reinem weißen Quarzsand (Abb. 2), der entsprechend ausgelaugt keine Härtebildner abgeben konnte. Ein Zufluss bestand nicht. Die Wasserzufuhr erfolgte lediglich durch Niederschläge, so dass das Wasser extrem weich war.

m01 m02

A. panchax sind ausgeprägte Oberflächenfische. Tritt man an ein Gewässer, sind sie als erste Fische erkennbar, denn sie haben einen weißen Fleck (Abb. 3) auf dem Kopf, an dem sie gut erkennbar sind. Zwar flüchten sie sofort, kehren aber oft wieder zurück. Man kann sie fangen, indem man mit einem größeren Netz an einer langen Stange vorsichtig unter sie fährt und langsam das Netz anhebt. Jede schnelle Bewegung führt dazu, dass sie blitzartig davonschießen und gegebenenfalls über den Rand des Netzes springen. Die Tiere sind nicht empfindlich und gut zu transportieren. Im Aquarium zeigt sich dann erst, dass es sich um sehr hübsche Fische handelt. Verbunden mit der Tatsache, dass es nicht so viele attraktive Oberflächenfische gibt, macht es sie interessant für die Aquaristik. Die Weibchen – im Bild 4 unten – sind deutlich schlichter gefärbt als die Männchen.

m03 m04

Einen völlig gegensätzlichen Fundort fand ich in Kep, Kambodscha am Golf von Thailand. Er lag in unmittelbarer Nähe zum Meer in einem Mangrovengebiet (Abb. 6) mit direktem Zugang (Abb. 5) und den Gezeiten ausgesetzt.

Koordinaten:              N  10° 30´ 46,90´´
                                     O  104° 17´ 14,49´´
                                     23.03.2015
                                     9.00 Uhr

pH
Gesamthärte (GH)*
Karbonathärte (KH)*
Leitfähigkeit µS/cm
Temperatur (Wasser) ° C
Temperatur (Luft) ° C

6,7
> 40

11
nicht gemessen
39,2
31,4

* Tetra Test, 5 ml

m05 m06

Ein Zufluss war nicht erkennbar. In der Regenzeit mag auf Grund der Lage wohl Süßwasser zufließen, jedoch durch die Gezeiten wieder durch Salzwasser ersetzt werden. Die Wasserwerte entsprechen denen, die ich an anderer Stelle im Brackwasser gemessen habe. Die Batterien des Leitfähigkeits-Messgeräts waren – wohl durch versehentliches Einschalten – entladen und Ersatz war auch in der nächsten größeren Stadt nicht erhältlich. Es ist jedoch zu erwarten, dass auch bei Funktionsfähigkeit kein Messwert erzielt worden wäre, denn der Grenzwert der Anzeige des Geräts liegt bei 1999 µS/cm und wäre sicherlich überschritten worden. Auch der Fang der Einheimischen (Abb. 7), die mit einem Wurfnetz in dieser Lagune fischten, weist dieses Gewässer als deutlich brackiges oder Meerwasser aus. In dieser Umgebung kamen unzählige A. panchax vor. Sie waren leicht zu entdecken, da sie als Oberflächenfische selbst bei diesem trüben Wasser gut zu erkennen waren. Sie waren dort in allen offenen Wasserstellen und Kanälen zu finden. Der Fang gestaltete sich aber nicht so einfach, da sie sehr scheu waren. Mit meinem großen Unterfangkäscher war ich wegen des Wasserwiderstandes einfach zu langsam. Unser ständiger Tuk-Tuk-Fahrer Sokha war da wesentlich erfolgreicher. Er hatte mein kleineres Netz mit einfachen Mitteln, die er dort vorfand mit einem Stock verbunden und fing einen nach dem anderen. So hatte ich in kurzer Zeit eine ausreichende Anzahl zusammen. Die ersten zehn wurden für wissenschaftliche Zwecke konserviert, zehn weitere nahm ich, verteilt auf drei 1-Literflaschen mit in das Hotel und machte mich unverzüglich auf den Weg. Der Weg war kurz und nach weniger als dreißig Minuten erreichte ich das Zimmer, musste aber feststellen, dass lediglich vier Tiere am Leben waren. Sie wurden auf vier Flaschen mit dem Originalwasser aufgeteilt, die toten Tiere wurden den Konservaten hinzugefügt. Ohne Wasserwechsel wurden die Überlebenden bis zum Ende des Urlaubs aufbewahrt und mit nach Deutschland genommen.

m07 m08

Sie erreichten die heimatliche Aquarienanlage ohne Probleme und wurden in einem 20-Literbecken untergebracht. Das Wasser hatte ich mit jodfreiem Kochsalz kräftig aufgesalzen und der Wasserausgleich in den Transportflaschen erfolgte mit äußerster Vorsicht in kleinen Schritten. Auch diese Prozedur wurde anstandslos ertragen. In der Folgezeit wurde dieses Wasser schrittweise durch kleine Mengen Leitungswasser ersetzt, bis sich schließlich ausschließlich letzteres im Aquarium befand. Die Fütterung erfolgte mit Lebendfutter. Es wurden Rote und Weiße Mückenlarven sowie Wasserflöhe gegeben. Die Tiere fraßen alles mit großer Gier. Sie entwickelten sich zu prächtigen Tieren (Ab. 8). Es zeigte sich, dass ich von beiden Geschlechtern je zwei Tiere mitgebracht hatte. Das war vor Ort und später im Hotel nicht festzustellen, denn die Fische sind in der Natur recht farblos.

Jetzt wurde auch begonnen, die Hechtlinge zu vermehren. Das ist im Normalfall bei dieser Art nicht schwierig. In bewährter Manier wurde ein Wollmop eingebracht. Die A. panchax sind Dauerlaicher, so dass ich von zwei Weibchen täglich bis zu vierzig Eier ablesen konnte. Sie wurden in einen ½ Liter fassenden Becher mit ungefähr 200 Milliliter Wasser überführt. Die Jungen schlüpfen nach ungefähr zehn Tagen, werden mit einem Glasrohr abpippetiert und in ein 20 Liter fassendes Aquarium gesetzt. Sie haben in den zehn Tagen ihren Dottersack restlos aufgebraucht und müssen sofort angefüttert werden. Die Jungen sind bereits recht groß und können sofort fein gesiebtes Tümpelplankton fressen. Das Wachstum ist allerdings recht langsam. Man erhält ansehnliche Tiere erst nach einem halben Jahr. Sie haben inzwischen bei einigen Freunden der Killifische Interesse gefunden, so dass ich hoffe, dass diese recht hübsche Standortform erhalten bleibt. Von Zeit zu Zeit, wenn ich wieder einige Tiere abgegeben habe, ziehe ich wieder einige neue nach.

Ähnlich einfach war im Übrigen auch die zuerst vorgestellte Form aus deutlich unterschiedlichem Wasser zu vermehren. Selbstverständlich sind von der Vielzahl der Eier bei Weitem nicht alle befruchtet und man muss die dann verpilzten Eier auslesen.

Während zahlreicher Reisen nach Südostasien habe ich noch eine Reihe weitere Fundortvarianten finden und zumeist mitbringen können. Tiere eines Fundortes – aus Khao Thong in Thailand – habe ich von Mike Meuschke aus Gera erhalten. Leider waren es nur Männchen. Die Wasserwerte dieser Fundorte ordnen sich zwischen den beiden geschilderten Extremen ein. Insofern ist A. panchax – sowohl hinsichtlich seines weiten Verbreitungsgebietes als auch der Wasserwerte – ein Phänomen.

m09 m10
m11 m12
m13JPG m14
m15 m16

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