Apistogramma sp. „Blaukopf“ – ein manchmal schwieriger Pflegling

Text und Fotos: Dr. Rainer Hoyer

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Wohl keine andere Apistogramma-Art pflege und vermehre ich so lange, wie Apistogramma sp. „Blaukopf“, auch als A. sp. „Steel Blue“ in der Literatur bezeichnet. Es gab zwar einige kleinere Unterbrechungen, aber ich war immer wieder bemüht, sie in meinen Bestand zu bekommen.

Angefangen hatte es im Jahr 2004, als ich von Andreas Klopsch (2004), Dresden zehn undifferenzierte Jungtiere erhalten hatte, von denen sich neun Männchen und lediglich ein Weibchen entwickelten. Auch der Versuch, mit wechselnden Männchen die Tiere zu vermehren, schlug fehl, so dass sie wieder in meinen Aquarien ausstarben. Allerdings gelang es mir einige Zeit später, sie wieder zu erwerben. Die Tiere waren aber derartig hinfällig, dass auch dieser Versuch nicht gelang.

So verging wiederum einige Zeit, bis ich – es war inzwischen Mitte 2005 geworden – sie wieder bekommen konnte. Es waren kräftige, gut gefärbte Tiere und diesen Stamm habe ich heute noch. Das ist ein Glück, denn im Zoohandel sind sie nicht mehr erhältlich.

Um A. sp. „Blaukopf“ ranken sich einige Geheimnisse, denn bisher hat niemand die Herkunft der Tiere feststellen können. Sie sollen wohl 1994/95 von verschiedenen Exporteuren in Singapur nach Deutschland gekommen sein. Unter den Sendungen waren aber kaum Weibchen (Römer, 1998). Es gelang nur sehr selten, eines aus der Masse der Männchen auszulesen. Die Internet-Gemeinde mutmaßte, dass es sich um eine Kreuzung handeln könnte, wobei Apistogramma resticulosa als ein Partner und A. caetei oder A. borellii als der andere angenommen wurden. Römer (2006) weist die Tiere dem Apistogramma resticulosa-Komplex zu. Er beschreibt zwar die Vermutung einer Kreuzung, betont aber, dass dafür jeder schlüssige Beleg fehlt. Eine Klärung der Herkunft  ist bis heute meines Wissens nicht erfolgt.

Nach nunmehr nahezu elf Jahren ununterbrochener Haltung und Zucht glaube ich nicht, dass es sich um eine Kreuzung handeln könnte. Die Tiere sind auch nach ungefähr zehn Generationen in meiner Pflege unvermindert fertil. Zudem ist das Erscheinungsbild außerordentlich kompakt. Es gibt keinerlei farbliche Abweichungen oder Veränderungen in der körperlichen Gestalt. Die gelegentlich als Verdacht auf Bastardisierung angeführten Schuppendeformationen konnte ich nie feststellen. Auch das seinerzeit als Hinweis herausgestellte Missverhältnis beim Verhältnis der Geschlechter erscheint nicht relevant. Zum einem können kommerzielle Interessen der damaligen Exporteure dahinter stecken. Zum anderen ist ein deutlich überwiegendes Geschlecht bei Apistogramma nicht ungewöhnlich. Zudem habe ich es immer wieder mit einem umgekehrten Verhältnis – die Zahl der Weibchen übertrifft die Zahl der Männchen deutlich – zu tun. Meines Erachtens sollte es sich um eine gute Art handeln.

Allerdings ist eine Kreuzung verschiedener Apistogramma-Arten prinzipiell möglich, wie es mir selbst passiert ist. Bei zahlenmäßig kleinen Bruten ziehe ich die Jungen unterschiedlicher Arten gemeinsam groß. Stellt man dann Zuchtpaare zusammen und die Tiere sind noch recht klein, ist es vornehmlich bei den Weibchen oftmals schwierig, die richtige Art zu erwischen. Ich hatte ein vermeintliches Paar A. sp. „Blaukopf“ in einem Becken untergebracht und es hatte auch gelaicht. Allerdings verpilzte das Gelege und es entwickelten sich keine Larven. Auch das zweite Gelege entwickelte sich nicht. Das ist bei jungen Apistogramma-Paaren aber nicht ungewöhnlich. Oft kommt es vor, dass das erste, gelegentlich auch das zweite Gelege unbefruchtet ist. In diesem Fall machte mich jedoch ein Vereinsfreund darauf aufmerksam, dass wohl ein A. sp. „Blaukopf“-Männchen, aber eben auch ein A. macmasteri-Weibchen im Aquarium schwammen (Hoyer, 2013). Ich hatte beide Arten gemeinsam großgezogen und versehentlich das falsche Weibchen ausgesucht. Dies ist vor allem der Schreckfärbung geschuldet, die gerade Weibchen unterschiedlicher Arten recht ähnlich erscheinen lässt. Dazu kommt, dass Apistogramma meist recht versteckt leben und sich so nicht immer beobachten lassen, so dass mir mein Fehler später entgangen war. Nachdem ich das Weibchen gegen ein sicheres von A. sp. „Blaukopf“ ausgetauscht hatte, laichte dieses Paar wiederholt erfolgreich ab. Später habe ich gezielt einen gleichen Ansatz hergestellt. In diesem Fall entwickelten sich die Eier, schlüpften, starben aber dann im Larvenstadium ab. Bei näher miteinander verwandten Apistogramma-Arten ist eine erfolgreiche Bastardisierung sicher möglich und es könnten lebensfähige, vielleicht sogar fertile Nachkommen daraus hervorgehen.

Das Männchen von A. sp. „Blaukopf“ hatte also anstandslos ein Weibchen von A. macmasteri akzeptiert. Diese Beobachtung ist umso erstaunlicher, da A. sp. „Blaukopf“ bei der Partnerwahl recht wählerisch ist. Die meisten von mit gepflegten Arten waren da erheblich weniger schwierig. Ein Männchen und ein Weibchen zusammengesetzt, laichen meist erfolgreich miteinander ab. Anders ist das bei dieser Art. Die Aggressivität zwischen den Geschlechtern ist meist wenig ausgeprägt und so kann es häufig vorkommen, dass beide Tiere friedlich nebeneinander leben, aber eben auch nicht miteinander ablaichen. Hat man aber ein harmonierendes Paar, das zu Fortpflanzung schreitet, wird man im Abstand von ungefähr einem Monat jeweils ein Gelege erwarten können. Die Zahl der Jungfische pro Gelege ist mit maximal sechzig nicht sehr hoch.

Bei der Vermehrung von Apistogramma kann man verschiedene Wege gehen. Zumeist wird propagiert, ein Männchen mit mehreren Weibchen in einem Becken zur Zucht anzusetzen. Das hätte im Fall von A. sp. „Blaukopf“ den Vorteil, dass sich das Männchen das Weibchen seiner Wahl aussuchen könnte. Mit weniger passenden Weibchen würde dann eben nichts passieren. Dazu benötigt man aber größere Aquarien, die ich als Zuchtbehälter nicht zur Verfügung habe. Ich benutze kleinere Becken von knapp zwanzig Litern Inhalt mit den Außenmaßen 41 x 21,5 x 23,5 (L x B x H). Sie sind ohne Bodengrund, mit einem luftbetriebenen Innenfilter und einem schwachen Heizer, der über eine Zeitschaltuhr gesteuert wird, ausgestattet. Durch die gewählte Heizung ergibt sich im Zuchtbecken eine Wassertemperatur von 24 – 28 Grd C, die im Verlauf des Tages schwankt und nachts meist etwas niedriger als am Tage ist. Bei entsprechend hohen Temperaturen im Sommer wird selbstverständlich nicht geheizt. Als Zuchtwasser benutze ich seit Jahrzehnten Regenwasser, das ich ohne Aufbereitung einsetze. Es stellt sich eine Gesamthärte von 2 – 4 Grd dH bei einer nicht messbaren Karbonathärte ein. Der pH-Wert beträgt nach dem Wasserwechsel 6 – 6,5 und sinkt bis zum nächsten Wechsel durch die weitere biogene Entkalkung bis auf 5,5.

Zur Deckung gebe ich einen größeren Busch Schwarzwurzelfarn Microsorum pteropus dazu. Als Laichhöhle dient ein kleiner Blumentopf, dessen Abzugsloch aufgeweitet worden ist. Das Loch ist nur so groß, dass das kleinere Weibchen, nicht aber das größere Männchen hindurchpasst. Es ist nicht erforderlich, dass das Männchen das Gelege im direkten Kontakt befruchtet. Es steht über dem Eingang und gibt dort seine Spermien ab, die durch Flossenwedeln in die Laichhöhle eingetragen werden. Der Grad der Befruchtung unterscheidet sich dabei nicht. Der kleine Eingang hat aber den Vorteil, dass sich das Weibchen zurückziehen kann, wenn das Männchen zu aufdringlich ist.

Ungefähr zehn Tage nach der Eiablage erscheinen die Jungfische erstmalig außerhalb der Bruthöhle. Idealer Weise sollten sie jetzt mit fein gesiebtem Tümpelplankton angefüttert werden. Leider steht das aber nach der Sanierung der Dorfteiche kaum noch zur Verfügung, nachdem die organische Belastung drastisch reduziert worden ist. Ich behelfe mich deshalb mit Zuchtfutter. Das sind zum einen Rettichtierchen, zum anderen kleine Nematoden („Mikro“). Beide Futterarten werden nebeneinander angeboten und gleichermaßen gut angenommen.

Belässt man die Jungfische im Zuchtbecken, schreiten die Eltern trotzdem nach einiger Zeit erneut zur Fortpflanzung, wobei die Jungen nach meiner Beobachtung nicht vertrieben werden. Auch das Männchen wird durchaus in der Nähe der Brut geduldet. Nach dem Schlüpfen der zweiten Brut werden die älteren Jungfische in der Nähe der jüngeren geduldet. Allerdings hat Ott (2009) dabei andere Erfahrungen gemacht. Ihm stand aber ein deutlich größeres Aquarium zur Verfügung. Möglicher Weise ist das geänderte Verhalten darauf zurückzuführen. Das Wachstum der Jungfische ist außerordentlich langsam. Ansehnliche Tiere erhält man frühestens nach fünf Monaten. Allerdings lassen sich die Geschlechter früher unterscheiden und – separiert man sie in einem Zuchtbecken – können sie bereits nach vier Monaten erstmals laichen.

Meist entnehme ich die Jungfische nach ungefähr einer Woche und ziehe sie separat groß. Das hat den Vorteil, dass ich nun unser Leipziger Leitungswasser verwenden kann, das problemlos für eine Haltung akzeptiert wird.

Die Männchen (Abb. 1) erscheinen tatsächlich in einem wunderbaren Stahlblau mit kräftigen weinroten wurmförmigen Linien am Kopf. Die groß wirkenden Schuppen sind jeweils dunkel umrandet. Die Weibchen sind vor der Geschlechtsreife den Männchen ähnlich, jedoch sind die Farben deutlich unscheinbarer. Das Blau der Männchen ist hier blaugrau und die Kopfzeichnung sehr viel weniger ausgeprägt. Es fällt jedoch schwer, im Alter von fünf Monaten verschreckte Tiere nach Geschlechtern zu trennen, denn weniger ausgefärbte Männchen unterscheiden sich in Schreckfärbung kaum von Weibchen. Das gilt aber auch für adulte Tiere in Schreckfärbung. Gut sichtbar wird der Unterschied aber dann, wenn die Weibchen geschlechtsreif werden. Abb. 2 zeigt ein geschlechtsreifes, neutral gestimmtes Weibchen. Verschwindet das dunkle Seitenband (Abb. 3), kann man damit rechnen, dass der Laichakt erfolgt ist.

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Sind die Tiere im letzten Lebensdrittel, verlieren sich die Farben. Das Blau der Männchen erscheint weniger strahlend (Abb. 4) und das Weibchen verliert das Gelb und wird wieder graublau (Abb. 5).

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Alles in allem sind A. sp. „Blaukopf“ prächtige Tiere, die in der Haltung wenig Probleme bereiten. Allerdings wird man bei der Nachzucht doch oft gehörig auf die Probe gestellt. Sie lassen sich gelegentlich lange bitten, bevor man harmonierende Paare gefunden hat und die Nachzuchten sind in der Geschlechterverteilung oft recht unausgewogen.

Literatur:

Hoyer, Rainer, 2007: Apistogramma spec. Blaukopf – ergänzende Beobach-
              tungen; AKZ-News, 14 (1); 5-11
Hoyer, Rainer, 2013: Keiner ist vollkommen …;
             AKZ News 21; 7 – 9
Klopsch, Andreas 2004:Apistogramma spec. „Blaukopf“ – ein Zwerg-
             cichlide mit Fragezeichen; AKZ News 11 (2); 37 – 41
Ott, Dieter, 2009 Nochmals: Apistogramma sp. Blaukopf/Blue Steel;
             AKZ News 16 (1); 30 - 35
Römer, Uwe, 1998:   Cichliden Atlas, Band 1, Naturgeschichte der Zwerg-
             buntbarsche Südamerikas, 928 ff
Römer, Uwe, 2006:  Cichliden Atlas, Band 2, Naturgeschichte der Zwerg-
             buntbarsche Südamerikas, 1048 ff

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